Bei einer Unterzuckerung (Hypoglykämie) fällt der Blutzucker so stark ab, dass der Körper nicht genug Energie bekommt. Für Menschen mit Diabetes gilt ein Wert unter 70 mg/dl beziehungsweise 3,9 mmol/l als Warn- und Behandlungsgrenze.
Über das richtige Handeln entscheidet der Zustand der Person: Wer wach ist und sicher schlucken kann, kann sich meist selbst helfen. Wer bewusstlos ist, nicht sicher schlucken kann oder stark verwirrt ist, braucht sofort den Notruf 112 und darf nichts in den Mund bekommen.
Was eine Unterzuckerung ist
Eine Hypoglykämie entsteht, wenn mehr Insulin im Blut ist, als der Körper gerade benötigt, oder wenn zu wenig Kohlenhydrate zur Verfügung stehen. Typische Ursachen bei Menschen mit Diabetes sind eine zu hohe Insulindosis, ausgelassene oder verspätete Mahlzeiten, ungewohnt intensive körperliche Aktivität oder Alkohol. Auch bestimmte blutzuckersenkende Medikamente, insbesondere Sulfonylharnstoffe, können eine Unterzuckerung auslösen.
Fachleute unterscheiden drei Schweregrade. Werte zwischen 70 und 54 mg/dl gelten als Warnbereich, in dem eine Selbstbehandlung meist möglich ist. Ein Wert unter 54 mg/dl beziehungsweise 3,0 mmol/l ist eine klinisch relevante Unterzuckerung, die sofort behandelt werden muss. Die schwerste Form ist nicht an einer Zahl festzumachen, sondern daran, dass die Person Hilfe durch andere braucht, weil sie nicht mehr selbst handeln oder sicher schlucken kann. Für Laien ist diese funktionelle Definition am wichtigsten: Entscheidend ist der Zustand der Person, nicht allein der Messwert.
Symptome einer Unterzuckerung erkennen
Die Beschwerden treten individuell unterschiedlich auf. Frühe Anzeichen sind Zittern, Schwitzen, Herzklopfen, Heißhunger, Blässe sowie Unruhe oder Nervosität. Bei stärkerer Unterzuckerung kommen Verwirrtheit, Orientierungslosigkeit, Sprach- oder Sehstörungen, ungewöhnliches Verhalten, Krampfanfälle und Bewusstlosigkeit hinzu.
Menschen, die wiederholt Unterzuckerungen erleben, können ihre Wahrnehmung für diese Warnzeichen verlieren. Sie bemerken die Unterzuckerung dann erst bei sehr niedrigen Werten oder gar nicht. Das erhöht das Risiko für schwere Verläufe deutlich. Wer solche Erfahrungen macht, sollte das mit dem Diabetes-Team besprechen, denn eine gestörte Hypoglykämiewahrnehmung lässt sich oft behandeln.
So handeln Sie bei einer wachen Person
Behandeln Sie früh, solange die Person wach ist und sicher schlucken kann. Geben Sie etwa 15 bis 20 Gramm schnell wirksame Kohlenhydrate. Geeignet sind Traubenzucker, Glukosegel, Fruchtsaft, normale zuckerhaltige Limonade oder Gummibärchen. Light- und Zero-Getränke enthalten keinen Zucker und sind wirkungslos. Schokolade ist als erste Maßnahme weniger geeignet, weil das enthaltene Fett die Aufnahme der Kohlenhydrate verlangsamt.
Nach der Gabe warten Sie etwa 15 Minuten und messen den Blutzucker erneut oder prüfen den Zustand der Person. Bleibt der Wert niedrig oder bessern sich die Beschwerden nicht, geben Sie erneut schnell wirksame Kohlenhydrate. Wenn sich die Person stabilisiert hat und die nächste Mahlzeit noch nicht ansteht, kann ein Snack mit länger wirksamen Kohlenhydraten wie Brot, Obst oder Joghurt einen erneuten Abfall verhindern. Das ist besonders nach Sport, Alkoholkonsum oder bei länger wirksamem Insulin sinnvoll.
Lassen Sie die Person nach einer Unterzuckerung nicht allein. Beobachten Sie, ob sich der Zustand stabilisiert, und klären Sie mit dem Diabetes-Team, was den Abfall ausgelöst hat.
Wenn die Person nicht mehr sicher schlucken kann
Kann die Person noch sicher schlucken, sich aber nicht mehr selbst helfen, darf eine andere Person die Kohlenhydrate geben. In dieser Situation empfehlen die Praxisempfehlungen der Deutschen Diabetes Gesellschaft eine höhere Glukosemenge, etwa 30 Gramm. Die Person muss dabei eng überwacht werden. Verschlechtert sich das Bewusstsein oder wird das Schlucken unsicher, darf nichts mehr in den Mund gegeben werden.
Bei Bewusstlosigkeit, Krampfanfällen oder fehlender Schluckfähigkeit rufen Sie sofort den Notruf 112. Geben Sie der Person nichts zu essen oder zu trinken, denn sie könnte ersticken. Prüfen Sie die Atmung. Atmet die Person normal, bringen Sie sie in die stabile Seitenlage. Kontrollieren Sie die Atmung wiederholt. Setzt die Atmung aus, beginnen Sie sofort mit Wiederbelebungsmaßnahmen und folgen Sie den Anweisungen der Leitstelle. Sagen Sie der Leitstelle, dass ein Diabetes vorliegt oder der Verdacht auf eine Unterzuckerung besteht.
Die stabile Seitenlage verhindert, dass Speichel, Erbrochenes oder Fremdkörper in die Atemwege gelangen. Eine bewusstlose Person darf auf keinen Fall mit Saft, Traubenzucker, Honig oder Wasser aufgeweckt werden.
Was Sie bei Unterzuckerung nicht tun sollten
Einige Fehler können die Situation gefährlich verschlimmern. Geben Sie bewusstlosen Personen niemals etwas in den Mund. Spritzen Sie bei unklarer Lage nicht vorsorglich Insulin, denn bei einer Unterzuckerung würde das den Zustand dramatisch verschlechtern. Verwenden Sie keine Light- oder Zero-Getränke als Zuckerquelle und setzen Sie nicht auf Schokolade als erste Maßnahme.
Wenn nach der ersten Glukosegabe keine Besserung eintritt oder sich der Zustand verschlechtert, rufen Sie den Rettungsdienst, statt wiederholt abzuwarten. Nach einer schweren Unterzuckerung sollten Sie nicht einfach zur bisherigen Therapie zurückkehren, sondern Ursache und Behandlungsplan ärztlich überprüfen lassen.
Glukagon als Notfallmedikament
Glukagon ist ein Hormon, das die Leber veranlasst, gespeicherte Glukose freizusetzen. Es kann bei einer schweren Unterzuckerung eingesetzt werden, wenn die betroffene Person nicht sicher selbst Kohlenhydrate aufnehmen kann. Glukagon gibt es als Injektion und als Nasenspray. Angehörige und enge Kontaktpersonen sollten die Anwendung vorher mit der Packungsbeilage üben oder sich schulen lassen.
Glukagon ersetzt bei Bewusstlosigkeit nicht den Notruf. Es sollte nicht angewendet werden, wenn unklar ist, ob eine Unterzuckerung vorliegt und eine Überzuckerung nicht ausgeschlossen wurde. Nach der Anwendung muss die Person medizinisch überwacht werden. Kommt sie wieder zu Bewusstsein und kann sicher schlucken, sollte sie Kohlenhydrate aufnehmen. Bei starkem Alkoholkonsum oder nach intensiver sportlicher Belastung kann Glukagon weniger wirken, weil die Glukosespeicher der Leber erschöpft sind. In diesen Fällen ist bei fehlender Schluckfähigkeit dringend der Rettungsdienst nötig.
Nachsorge und Vorbeugung
Nach einer schweren, nächtlichen oder wiederkehrenden Unterzuckerung sollten Betroffene mit ihrem Diabetes-Team klären, was den Vorfall ausgelöst hat. Dazu gehören die Überprüfung der Insulindosis und der Medikamente, die Frage nach einer gestörten Hypoglykämiewahrnehmung sowie die Entscheidung, ob Angehörige in der Glukagon-Anwendung geschult werden sollten. Ein kontinuierliches Glukosemesssystem mit Alarmfunktion kann helfen, Unterzuckerungen früher zu erkennen.
Für Menschen mit Hypoglykämierisiko gelten beim Autofahren besondere Regeln. Vor Fahrtantritt messen Sie den Blutzucker und führen schnell wirksame Kohlenhydrate im Fahrzeug mit. Bei Symptomen halten Sie sofort an. Weiterfahren dürfen Sie erst, wenn sich Blutzucker und Zustand wieder stabilisiert haben.