Unterzuckerung (Hypoglykämie) bedeutet, dass der Blutzucker so weit absinkt, dass Körper und Gehirn zu wenig Energie bekommen. Bei Kindern kommt sie am häufigsten bei Diabetes Typ 1 unter Insulintherapie vor, aber auch ohne Diabetes. Die Maßnahmen richten sich nach dem Zustand des Kindes: Ein waches Kind bekommt schnell wirksame Kohlenhydrate, bei Bewusstlosigkeit zählt der Notruf 112. Wer die Warnzeichen früh erkennt, kann richtig handeln.

Grenzwerte und Maßnahmen unterscheiden sich, je nachdem, ob ein Diabetes bekannt ist. Maßgeblich bleiben der individuelle Notfallplan des behandelnden Diabetes-Teams und die Anweisungen der Ärztinnen und Ärzte.

Was Unterzuckerung bedeutet

Der Blutzucker wird in Milligramm pro Deziliter (mg/dl) oder Millimol pro Liter (mmol/l) gemessen; beide Einheiten bezeichnen denselben Wert. Eine einzelne Zahl definiert die Unterzuckerung nicht für alle Kinder gleich. Bei Kindern mit Diabetes gilt ein Wert unter 70 mg/dl beziehungsweise unter 3,9 mmol/l als Warn- und Behandlungsgrenze, ab der ein weiteres Absinken verhindert werden sollte. Ein Wert unter 54 mg/dl beziehungsweise unter 3,0 mmol/l gilt als klinisch relevante Hypoglykämie mit Risiko für neurologische Symptome.

Eine schwere Hypoglykämie ist nicht allein über einen Messwert definiert. Sie liegt vor, wenn das Kind wegen einer Bewusstseins- oder Denkstörung Hilfe durch eine andere Person braucht, etwa für Kohlenhydrate, Glukagon oder intravenöse Glukose. Bei Kindern ohne Diabetes gelten andere Schwellen: Eine pädiatrische Leitlinie nennt einen Wert unter 3,0 mmol/l, wenn typische Symptome bestehen, und unter 2,6 mmol/l, auch wenn keine Symptome erkennbar sind. Diese Werte sind nicht direkt auf Kinder mit Diabetes übertragbar. Bei Neugeborenen gelten zusätzlich alters- und situationsabhängige Sonderregelungen.

Warnzeichen richtig deuten

Die ersten Anzeichen entstehen durch die Gegenregulation des Körpers: Zittern, Blässe, Schwitzen, Herzklopfen, Hunger, Unruhe, Kopfschmerzen, Übelkeit, Müdigkeit oder Schwäche. Nimmt die Unterzuckerung zu, kommen neurologische Symptome hinzu: Konzentrationsprobleme, Schwindel, unsicherer Gang, Sehstörungen, undeutliche Sprache, Verwirrtheit, Koordinationsprobleme, im schlimmsten Fall Bewusstlosigkeit oder Krampfanfälle.

Bei jüngeren Kindern fallen Verhaltensänderungen oft stärker auf als klassisches Zittern. Reizbarkeit, Wutanfälle, ungewöhnliche Stille, untröstliches Weinen oder widersprüchliches Verhalten können Warnzeichen sein, denn Vorschulkinder können oft noch nicht genau sagen, was ihnen fehlt. Nächtliche Unterzuckerungen sind besonders schwer zu erkennen. Hinweise sind ungewöhnliches Schwitzen, unruhiger Schlaf, Albträume, Stöhnen, verändertes Verhalten beim Aufwachen oder morgendliche Kopfschmerzen. Kinder mit Diabetes haben nach körperlicher Aktivität ein erhöhtes Risiko für verzögerte nächtliche Unterzuckerungen, wenn Bewegung, Schlaf und eine unveränderte Insulinwirkung zusammentreffen.

Sofortmaßnahmen bei wachem Kind

Wenn das Kind wach ist und sicher schlucken kann, den Blutzucker messen, sofern es ohne Verzögerung möglich ist. Bei deutlichen Symptomen die Behandlung nicht durch eine langwierige Messung verzögern. Schnell wirksame Kohlenhydrate geben, etwa Glukosetabletten, Glukosegel, Fruchtsaft oder normale, nicht zuckerfreie Limonade. Die Leitlinien empfehlen für Kinder etwa 0,3 Gramm Glukose pro Kilogramm Körpergewicht. Das entspricht ungefähr 9 Gramm bei 30 Kilogramm und 15 Gramm bei Kindern über 50 Kilogramm. Die international verbreitete Faustregel von 15 Gramm Kohlenhydraten passt für größere Kinder, ist für Säuglinge und Kleinkinder aber häufig zu viel. Bei automatisierten Insulinabgabesystemen kann eine geringere Menge ausreichen, das legt der individuelle Behandlungsplan fest.

Nach etwa 15 Minuten erneut messen oder die Situation überprüfen. Ist der Wert weiterhin niedrig oder bestehen die Symptome fort, die Behandlung nach dem individuellen Notfallplan wiederholen. Nach der Akutbehandlung eine länger wirksame Kohlenhydratquelle oder die nächste Mahlzeit geben, damit der Blutzucker nicht erneut abfällt. Schokolade, Nüsse und andere fettreiche Lebensmittel sind als erste Maßnahme ungeeignet, weil Fett die Aufnahme der Kohlenhydrate verlangsamt. Auch sehr ballaststoffreiche Lebensmittel wirken nicht so schnell wie reine Glukose.

Wird ein Glukosesensor verwendet, können Sensorwert und tatsächlicher Blutzucker bei schnellen Veränderungen auseinanderfallen. Bei deutlicher Abweichung, besonders wenn Symptome bestehen, mit einem Blutzuckermessgerät kontrollieren. Bei eindeutigen Symptomen die Behandlung nicht wegen eines scheinbar unauffälligen Sensorwerts unterlassen.

Bei Bewusstlosigkeit sofort handeln

Ist das Kind bewusstlos, krampft es oder kann es nicht sicher schlucken, gilt:

  1. Nichts in den Mund geben und nichts einflößen.
  2. Den Notruf 112 wählen.
  3. Atmet das Kind normal, vorsichtig in die stabile Seitenlage bringen und die Atmung regelmäßig kontrollieren.
  4. Wenn ein ärztlich verordnetes Glukagon-Notfallpräparat vorhanden ist und eine schwere Unterzuckerung bekannt oder sehr wahrscheinlich ist, es nach Einweisung oder Produktanleitung anwenden.
  5. Auch nach der Glukagon-Gabe den Rettungsdienst verständigen.
  6. Bei fehlender oder nicht normaler Atmung mit Wiederbelebungsmaßnahmen beginnen.

Bei Bewusstlosigkeit ist es gefährlich, dem Kind Saft, Wasser oder Zucker zu geben. Es kann sich verschlucken, oder Flüssigkeit kann in die Atemwege gelangen. Glukagon mobilisiert Glukose aus den Speichern der Leber und kann eingesetzt werden, wenn das Kind nicht sicher schlucken kann. Die Wirkung kann eingeschränkt sein, wenn die Speicher erschöpft sind, etwa nach längerem Fasten, intensiver körperlicher Belastung oder Alkoholkonsum. Das ist kein Grund, auf den Notruf zu verzichten.

Ursachen bei Kindern

Bei Kindern mit Diabetes entsteht eine Unterzuckerung meist durch ein Missverhältnis zwischen Insulin, Kohlenhydraten und Energieverbrauch. Typische Auslöser sind eine zu hohe Insulindosis, eine ausfallende oder kleinere Mahlzeit, ungeplante oder intensive Bewegung, verzögerte Unterzuckerung nach Sport, Erbrechen oder Krankheit, Alkohol bei Jugendlichen sowie nächtliche Insulinwirkung. Wiederholte Unterzuckerungen schwächen die Wahrnehmung der Warnzeichen ab.

Bei Kindern ohne Diabetes ist eine einzelne Unterzuckerung während oder nach einem Infekt mit längerer Nahrungspause möglich. Medizinisch spricht man dann von einer beschleunigten Hungerreaktion, im Englischen accelerated starvation. Diese Diagnose ist eine Ausschlussdiagnose: Ärztinnen und Ärzte stellen sie erst, wenn andere Ursachen ausgeschlossen sind. Typisch sind eine längere Nahrungspause, oft bei einem leichten Infekt, Ketone im Urin oder Blut und eine Besserung nach dem Essen. Andere Ursachen sind schwere Infektionen, hormonelle Störungen, angeborene Stoffwechselerkrankungen, ein angeborener Hyperinsulinismus, Leber-, Herz- oder Nierenerkrankungen sowie die versehentliche Einnahme von Insulin oder blutzuckersenkenden Medikamenten. Ärztinnen und Ärzte müssen besonders abklären: Unterzuckerungen bei Säuglingen, schwere Episoden, wiederkehrende Ereignisse und Episoden ohne erkennbare längere Nahrungspause oder akute Erkrankung.

Vorbeugen im Alltag

Für Familien mit einem Kind mit Diabetes gehören zur Vorbeugung: immer schnell wirksame Kohlenhydrate mitführen, Notfallmedikament und Messmaterial regelmäßig auf Vollständigkeit und Verfallsdatum prüfen, Betreuungspersonen, Großeltern, Kita und Schule einweisen und einen schriftlichen Notfallplan hinterlegen. Vor, während und nach ungewohnter Bewegung die Glukoseentwicklung beachten, bei Krankheit, Erbrechen oder vermindertem Essen frühzeitig das Diabetes-Team kontaktieren und nächtliche Risiken individuell mit dem Behandlungsteam beurteilen. Wiederholte oder unbemerkte Unterzuckerungen gehören in die ärztliche Besprechung.

Die Schulung von Kindern, Eltern, Lehrkräften und anderen Betreuungspersonen gehört zur Prävention. Wiederholte Unterzuckerungen schwächen die hormonelle Gegenregulation ab, sodass Warnzeichen später oder weniger deutlich auftreten. Daten aus dem Jahr 2015 zeigen: 21 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes hatten eine beeinträchtigte Hypoglykämiewahrnehmung. Sie ist mit einem deutlich erhöhten Risiko für schwere Ereignisse verbunden.

Wann ärztliche Abklärung nötig ist

Unterzuckerungen bei Säuglingen, schwere Episoden, wiederkehrende Ereignisse und Episoden ohne erkennbaren Auslöser müssen ärztlich abgeklärt werden. Das gilt auch für Kinder ohne bekannten Diabetes, bei denen eine Unterzuckerung ohne längere Nahrungspause oder akute Erkrankung auftritt. Bei wiederholten Episoden die Diabetesbehandlung mit dem Behandlungsteam überprüfen. Insulin- oder Medikamentendosen nicht eigenmächtig dauerhaft verändern.