Bei Menschen mit Diabetes gilt ein Blutzuckerwert unter 70 mg/dl (3,9 mmol/l) als Hypoglykämie. Die Faustregel von 15 Gramm Kohlenhydraten dient als Orientierung, ist aber keine feste Dosis. Entscheidend sind die individuelle Situation, sicheres Schlucken und eine erneute Messung nach zehn bis fünfzehn Minuten.

Woran Sie eine Unterzuckerung erkennen

Typische Anzeichen sind Schwitzen, Zittern, Herzklopfen, Konzentrationsstörungen und Verwirrtheit. Wer solche Symptome bemerkt oder einen niedrigen Messwert feststellt, sollte rasch handeln. Der gemessene Wert allein bestimmt jedoch nicht die Dringlichkeit. Eine Person, die trotz niedrigem Messwert noch wach ist und selbst handeln kann, ist anders zu beurteilen als eine Person mit starker Verwirrtheit oder Krampfanfällen. Fachgesellschaften unterscheiden deshalb zwischen leichter Unterzuckerung, bei der Selbsthilfe möglich ist, und schwerer Unterzuckerung, bei der eine andere Person helfen muss. Für die Einschätzung zählt, ob die betroffene Person noch sicher kauen und schlucken kann.

Schnelle Kohlenhydrate für wache Personen

Wer wach ist und sicher schlucken kann, nimmt am besten schnell wirksame Kohlenhydrate zu sich. Geeignet sind Glukosetabletten, Traubenzucker, Glukosegel, Saft oder zuckerhaltige Getränke ohne Light-Kennzeichnung. Für viele Erwachsene mit leichter, selbst behandelbarer Unterzuckerung sind 15 bis 20 Gramm eine sinnvolle Ausgangsmenge, vorzugsweise als reine Glukose. Die genaue Stückzahl hängt vom Produkt ab. Traubenzuckertabletten, Gele und Säfte enthalten je nach Hersteller unterschiedliche Kohlenhydratmengen. Deshalb lohnt ein Blick auf die Packungsangabe, statt sich an einer Handvoll Bonbons oder einem Glas Saft zu orientieren.

Warum Schokolade nicht die erste Wahl ist

Schokolade enthält Zucker, aber auch viel Fett. Fett und Protein verlangsamen die Aufnahme der Kohlenhydrate, sodass der Blutzucker nur langsam ansteigt. Für die unmittelbare Korrektur einer Unterzuckerung ist Schokolade daher ungünstig. Sie ist nicht grundsätzlich verboten, aber für den ersten Schritt braucht es möglichst rasch verfügbare Glukose. Für Menschen, die Acarbose einnehmen, gilt eine Besonderheit. Dieses Medikament hemmt den Abbau von Haushaltszucker, weshalb saccharosehaltige Lebensmittel weniger zuverlässig wirken. In diesem Fall sollte die Unterzuckerung mit reiner Glukose behandelt werden.

Nach zehn Minuten erneut kontrollieren

Nach der ersten Zufuhr von Kohlenhydraten dauert es etwas, bis der Blutzucker ansteigt. Deshalb gilt: nach zehn bis fünfzehn Minuten erneut messen oder die Entwicklung beobachten. Bleibt der Wert niedrig oder bestehen die Symptome fort, wird die Behandlung wiederholt. Wichtig ist, nicht sofort große Mengen zu essen. Das übermäßige Nachessen treibt den Blutzucker nach oben und erschwert die weitere Einstellung. Erst nach erfolgreicher Korrektur kann eine länger wirksame Kohlenhydratquelle sinnvoll sein. Wer die nächste Mahlzeit nicht bald einnimmt, kann einen Snack mit langsameren Kohlenhydraten und etwas Protein wählen, um eine erneute Unterzuckerung zu verhindern.

Wann andere Mengen gelten

Die 15- bis 20-Gramm-Regel stammt aus klassischen Behandlungsschemata und passt nicht für alle Situationen. Bei Kindern gelten alters-, gewichts- und therapieabhängige Notfallpläne. Die pädiatrische Leitlinienliteratur nennt als untersuchte Orientierung etwa 0,3 Gramm Kohlenhydrate pro Kilogramm Körpergewicht. Sie weist aber zugleich auf begrenzte Daten bei Kindern mit automatisierten Systemen hin. Eltern und Betreuungspersonen sollten die individuelle Menge mit dem Diabetes-Team festlegen.

Auch bei automatisierten Insulinabgabesystemen, die die Insulinzufuhr bei fallender Glukose reduzieren oder stoppen, kann eine kleinere Menge genügen. Fachgesellschaften nennen hier häufig fünf bis zehn Gramm als Ausgangsgröße, sofern nicht gleichzeitig Sport oder ein deutlich zu hoch berechneter Mahlzeitenbolus vorliegt. Bei einer schweren Unterzuckerung, bei der die Person noch wach ist, sich aber nicht mehr selbst behandeln kann, nennt die deutsche Leitlinie zum Typ-1-Diabetes 30 Gramm Glukose. Auch die Art der Medikation spielt eine Rolle: Unterzuckerungen treten besonders bei Insulin und insulinsteigernden Medikamenten wie Sulfonylharnstoffen auf. Bei einer reinen Lebensstiltherapie oder Metformin allein besteht typischerweise kein vergleichbares Risiko.

Bei Bewusstlosigkeit nichts in den Mund

Ist die Person bewusstlos, hat einen Krampfanfall oder kann nicht sicher schlucken, darf nichts zu essen oder zu trinken gegeben werden. Die Gefahr des Verschluckens ist zu groß. Stattdessen gilt: Notruf 112 wählen, die Person in die stabile Seitenlage bringen und, sofern vorhanden und geschult, Glukagon anwenden. Glukagon ist ein Hormon, das die Leber veranlasst, gespeicherten Zucker freizusetzen. Bei ausbleibender Besserung bleibt die medizinische Hilfe entscheidend. Intravenöse Glukose gehört in die Hände von medizinischem Personal, nicht in die von Laien.