Für Menschen mit Diabetes und ihre Angehörigen gibt es keine einzelne Glukosezahl, die für alle zuverlässig eine akute Gefahr anzeigt. Bei Unterzuckerung gelten klare Warnbereiche; bei starker Überzuckerung entscheiden zusätzlich Beschwerden, Ketonkörper und der Allgemeinzustand. Wer nur den Messwert betrachtet, übersieht die Warnzeichen, die im Notfall zählen.
Unterzuckerung: Warnbereiche unter 70 und 54 mg/dl
Für zu niedrige Glukosewerte haben Fachgesellschaften gut etablierte Schwellen definiert. Die American Diabetes Association (ADA) teilt Unterzuckerungen in drei Stufen ein. Stufe 1 beginnt bei Werten unter 70 mg/dl (unter 3,9 mmol/l) und reicht bis 54 mg/dl (3,0 mmol/l). In diesem Bereich sollten Betroffene den Wert ernst nehmen, auch wenn sie noch keine Beschwerden spüren. Stufe 2 liegt unter 54 mg/dl (unter 3,0 mmol/l). Ab dieser Schwelle können neuroglykopenische Symptome auftreten, also Zeichen, die auf eine Unterversorgung des Gehirns hindeuten, etwa Verwirrtheit, Sprachstörungen oder Sehstörungen.
Für Stufe 3, die schwere Unterzuckerung, gibt es keine feste Glukosegrenze. Entscheidend ist, ob die betroffene Person geistig oder körperlich so beeinträchtigt ist, dass eine andere Person helfen muss. Das kann schon bei höheren Werten der Fall sein, wenn jemand nicht mehr selbstständig handeln kann. Umgekehrt schließen fehlende Beschwerden einen niedrigen Messwert nicht aus. Bei wiederholten Unterzuckerungen kann das Bewusstsein für die eigenen Symptome nachlassen, sodass Betroffene die Warnzeichen später oder gar nicht mehr bemerken.
Typische frühe Anzeichen einer Unterzuckerung sind Zittern, Schwitzen, Heißhunger, Herzklopfen und Blässe. Bei sehr niedrigen Werten können Krampfanfälle und Bewusstlosigkeit auftreten. Die Symptome unterscheiden sich von Mensch zu Mensch, und sie treten nicht bei jedem bei denselben Werten auf.
Überzuckerung: ab welchem Wert wird es gefährlich?
Bei zu hohen Glukosewerten gelten andere Kriterien. Es gibt keine einzelne Zahl, die für alle Menschen eine akute Gefahr anzeigt. Stattdessen müssen Messwert, Beschwerden, Ketonkörper und Allgemeinzustand gemeinsam betrachtet werden. Die folgenden Werte sind deshalb unterschiedlich einzuordnen.
Ein Wert über 180 mg/dl (über 10,0 mmol/l) wird in Patienteninformationen als Bereich genannt, in dem Überzuckerungszeichen auftreten können. Dieser Wert dient zur Orientierung, nicht als Notfallgrenze. Viele Menschen mit Diabetes haben zeitweise Werte in diesem Bereich, ohne dass eine akute Krise vorliegt.
Ein Wert von 200 mg/dl (11,1 mmol/l) oder mehr ist ein diagnostischer Wert für Diabetes, wenn er im passenden klinischen Kontext gemessen wird, etwa bei klassischen Symptomen wie starkem Durst und häufigem Wasserlassen. Für die Diagnose einer diabetischen Ketoazidose, einer schweren Stoffwechselentgleisung, nennt der internationale Erwachsenen-Konsensusbericht von 2024 einen Glukosewert von mindestens 200 mg/dl oder eine bereits bekannte Diabeteserkrankung als eine von mehreren Bedingungen. Zusätzlich müssen erhöhte Ketonkörper und eine metabolische Azidose vorliegen, also eine Übersäuerung des Blutes. Ein einzelner hoher Glukosewert allein beweist also keine Ketoazidose.
Das deutsche Patientenportal diabinfo nennt Werte über 250 mg/dl (über 13,9 mmol/l) als Warnhinweis auf eine mögliche Ketoazidose. Dieser Wert dient als alltagsnaher Warnhinweis, nicht als vollständiges Diagnosekriterium. Wer solche Werte misst und zusätzlich Beschwerden hat, sollte ärztliche Hilfe suchen.
Für das hyperglykämische hyperosmolare Syndrom (HHS), eine weitere schwere Stoffwechselentgleisung, nennt der ADA-Standard 2025 einen Plasmaglukosewert von mindestens 600 mg/dl (33,3 mmol/l) als eine von mehreren Bedingungen. Hinzu kommen müssen unter anderem eine erhöhte Osmolalität des Blutes und das Fehlen einer ausgeprägten Ketose. Ein Messwert von 600 mg/dl oder mehr ist ein sehr ernstes Signal, das zusammen mit Beschwerden sofortige medizinische Abklärung verlangt, aber für sich allein keine Diagnose stellt.
Ketoazidose und HHS: Warnzeichen erkennen
Die Warnzeichen einer schweren Überzuckerung sind oft deutlicher als der Messwert. Bei einer diabetischen Ketoazidose können starker Durst, häufiges Wasserlassen, Müdigkeit, Übelkeit, Bauchschmerzen und Erbrechen auftreten. Besonders besorgniserregend sind vertiefte Atmung und ein süßlicher, nach Aceton riechender Atem. Benommenheit, Verwirrtheit oder Bewusstseinsverlust sind Notfallzeichen.
Eine Ketoazidose tritt besonders bei Typ-1-Diabetes auf, kann aber auch Menschen mit Typ-2-Diabetes betreffen. Wer SGLT2-Hemmer einnimmt, eine Klasse von Diabetesmedikamenten, kann eine Ketoazidose auch bei vergleichsweise niedrigeren Glukosewerten entwickeln. Laut dem Konsensusbericht von 2024 treten etwa zehn Prozent der Ketoazidose-Fälle mit Glukosewerten unter 200 mg/dl auf. Ein niedriger Messwert schließt eine Ketoazidose also nicht sicher aus.
Beim HHS stehen starke Austrocknung und neurologische Veränderungen im Vordergrund; dazu gehören starker Durst, häufiges Wasserlassen, Müdigkeit, Schwäche, Schwindel und niedriger Blutdruck. Im Verlauf kann die Bewusstseinslage beeinträchtigt sein. Das Risiko betrifft nicht nur Menschen mit Typ-1-Diabetes.
Wann ist es ein Notfall?
Bewusstlosigkeit, ein Krampfanfall, deutliche Verwirrtheit oder die fehlende Fähigkeit, sich selbst zu helfen, sind immer Notfallzeichen. In diesen Situationen ist der Notruf 112 die richtige Anlaufstelle. Einer bewusstlosen Person darf man nichts in den Mund geben, weil Erstickungsgefahr besteht.
Auch bei starken Überzuckerungsbeschwerden wie Erbrechen, Bauchschmerzen, vertiefte Atmung, süßlich riechendem Atem oder Benommenheit sollte nicht allein anhand eines einzelnen Messwerts entschieden werden. Hier zählt das akute Krankheitsbild, und ärztliche Hilfe ist angezeigt. Eine schwere Unterzuckerung ist ebenfalls ein klinischer Notfall, wenn die betroffene Person nicht mehr wach ist oder nicht in der Lage ist, selbst Kohlenhydrate zu sich zu nehmen.
Bei wiederkehrenden oder auffälligen Messwerten ohne akute schwere Symptome ist eine ärztliche Einordnung sinnvoll. Aus einer einzelnen Messung lässt sich keine Diagnose ableiten, und eine persönliche Therapieanweisung gehört in die Hand der behandelnden Ärztin oder des behandelnden Arztes.
Messwerte richtig einordnen
Ein kontinuierliches Glukosemesssystem (CGM) misst die Glukose im Unterhautgewebe, nicht direkt im Blut. Der angezeigte Wert kann gegenüber einer Fingerbeerenmessung um etwa zehn Minuten verzögert sein. Bei raschen Veränderungen kann eine ergänzende Blutmessung sinnvoll sein. Auch Fingerbeerenmessungen können durch Essensreste oder feuchte Hände verfälscht werden. Ein überraschender Einzelwert ist daher nicht immer gleichbedeutend mit einer tatsächlichen akuten Entgleisung, besonders wenn er nicht zu den Beschwerden oder zum Verlauf passt.
Außerdem sind Normalwerte, Diagnosewerte, individuelle Zielwerte und Notfallkriterien verschiedene Kategorien. Die Diagnose Diabetes hängt von der Testart, den Messbedingungen und gegebenenfalls einer Bestätigungsmessung ab. Behandlungszielwerte sind individuell festgelegt, und auch die angestrebte Zeit im Zielbereich eines CGM ist kein akutes Notfallkriterium. Wer unsicher ist, ob ein Wert gefährlich ist, sollte die Einschätzung mit der behandelnden Praxis besprechen.