Wer Diabetes hat oder einen Angehörigen mit Diabetes betreut, kennt die Situation: Das Messgerät zeigt einen Wert, und sofort stellt sich die Frage, ob jetzt Gefahr besteht. Die Antwort ist: Eine einzelne Blutzuckerzahl reicht dafür nicht aus. Ob ein Wert gefährlich ist, hängt davon ab, wie es der betroffenen Person geht, ob Beschwerden auftreten und zunehmen, ob sie ansprechbar ist und ob sie noch selbst handeln kann.

Editorial illustration for Ab wann sind Blutzuckerwerte gefährlich?

Blutzuckerwerte sind wichtige Warnsignale, aber keine universelle Notfallgrenze. Ein niedriger Wert kann bei einem Menschen deutliche Symptome auslösen, bei einem anderen kaum. Ein hoher Wert bedeutet nicht automatisch eine Ketoazidose, eine gefährliche Übersäuerung des Blutes. Und umgekehrt kann eine Ketoazidose auch bei Werten unter 200 mg/dl entstehen. Deshalb kommt es darauf an, die Werte einzuordnen, Symptome ernst zu nehmen und bei bestimmten Warnzeichen sofort medizinische Hilfe zu holen.

Warum eine einzelne Zahl nicht reicht

Die medizinischen Fachgesellschaften definieren zwar Zahlenbereiche, um Unter- und Überzuckerung zu klassifizieren. Diese Werte sind aber nur eine Orientierung, kein Urteil über die akute Gefahr. Die amerikanische Diabetesgesellschaft ADA teilt Unterzuckerungen in Zahlenbereiche ein. Eine schwere Unterzuckerung definiert sie jedoch über den Zustand der Person: Sie liegt vor, wenn jemand körperlich oder geistig so beeinträchtigt ist, dass eine andere Person helfen muss. Der gemessene Glukosewert spielt dabei keine entscheidende Rolle.

Auch bei hohen Werten gilt das Gleiche. Ein hoher Blutzucker beweist keine Ketoazidose. Für diese Diagnose zählen zusätzlich Ketonkörper, also Stoffwechselprodukte, die bei Insulinmangel entstehen, und eine Übersäuerung des Blutes. Beides lässt sich nicht aus einem einzelnen Heim-Messwert ablesen. Der internationale Konsensbericht zu hyperglykämischen Krisen bei Erwachsenen von 2024 nennt als Kriterium für eine Ketoazidose einen Blutzucker von mindestens 200 mg/dl oder eine bekannte Diabetes-Erkrankung, jeweils zusammen mit Ketose, also erhöhten Ketonkörpern, und Azidose, also einer Übersäuerung des Blutes. Etwa zehn Prozent der Ketoazidose-Fälle treten demnach mit Werten unter 200 mg/dl auf, etwa bei Menschen, die SGLT2-Hemmer (Diabetes-Medikamente) einnehmen, wenig essen, schwanger sind oder Alkohol getrunken haben.

Entscheidend sind also der Verlauf und die Begleitumstände. Eine akute Infektion, ausgelassenes oder unwirksames Insulin, Probleme mit der Insulinpumpe, Erbrechen und Austrocknung können die Lage schnell verändern. Wer ein kontinuierliches Glukosemesssystem (CGM) trägt, sollte bei raschen Schwankungen zusätzlich am Finger messen, weil die CGM-Werte zeitlich verzögert sein können.

Unterzuckerung: Werte und Warnzeichen

Die ADA unterscheidet bei der Unterzuckerung zwei Zahlenbereiche. Werte unter 70 mg/dl (3,9 mmol/l) gelten als Warnbereich für Unterzuckerung und sind ein wichtiger Handlungswert. Werte unter 54 mg/dl (3,0 mmol/l) sind klinisch bedeutsam niedrig und erfordern rasches Handeln. Diese Zahlen bedeuten aber nicht, dass alle Menschen unterhalb dieser Grenzen dieselben Symptome haben oder dass ab einem bestimmten Wert automatisch der Rettungswagen kommen muss.

Die Warnzeichen einer Unterzuckerung sind vielfältig: Zittern, Schwitzen, Heißhunger, Herzklopfen, Blässe, Unruhe, Verwirrtheit, Orientierungslosigkeit sowie Sprach- oder Sehstörungen. Krampfanfälle und Bewusstlosigkeit sind schwere Warnzeichen. Die Symptome treten je nach Person unterschiedlich früh auf und können auch fehlen. Manche Menschen nehmen eine beginnende Unterzuckerung nicht mehr wahr, weil ihre Wahrnehmung gestört ist. Wer solche Zeichen bei sich oder anderen bemerkt, sollte nicht auf eine bestimmte Zahl warten, sondern handeln, etwa mit schnell wirksamen Kohlenhydraten, sofern die Person sicher schlucken kann.

Editorial illustration showing a person experiencing low blood sugar with visible signs: trembling hands, sweating, pale face, and a confused expression.
Unterzuckerung zeigt sich durch viele verschiedene Warnzeichen.

Überzuckerung: Wann es kritisch wird

Die deutsche Diabetes-Informationsseite diabinfo nennt Werte über 250 mg/dl (13,9 mmol/l) als Warnhinweis im Zusammenhang mit einer möglichen Ketoazidose, insbesondere wenn Symptome dazukommen. Auch bei hohen Werten entscheidet die Zahl allein nicht: Das ist ein Warnhinweis, aber kein Beweis für eine Ketoazidose und keine Grenze, bis zu der Abwarten sicher wäre.

Mögliche Zeichen einer starken Überzuckerung sind ausgeprägter Durst, häufiges Wasserlassen, trockener Mund, Müdigkeit und Sehstörungen. Der Verdacht auf eine Ketoazidose besteht besonders bei Übelkeit oder Erbrechen, Bauchschmerzen, vertiefter Atmung, süßlich riechendem Atem und Bewusstseinsveränderungen. Bei einer hyperglykämischen hyperosmolaren Entgleisung (HHS), einer weiteren schweren Stoffwechselentgleisung, kommen zu starkem Durst und häufigem Wasserlassen Schwäche, Schwindel, Sehstörungen, Krämpfe und später Bewusstseinsstörungen hinzu. Besonders gefährdet sind ältere Menschen mit Typ-2-Diabetes.

Editorial illustration of a person showing signs of severe hyperglycemia: drinking water, looking tired, with a dry mouth, and subtle cues of nausea and deep breathing.
Starke Überzuckerung und Ketoazidose zeigen sich durch Durst, Müdigkeit und weitere Warnzeichen.

Wer ein Korrekturschema für Insulin hat, sollte es nur nach der mit dem Behandlungsteam vereinbarten Anleitung anwenden. Zu frühes Nachkorrigieren nach einer Mahlzeit kann eine Unterzuckerung begünstigen. Bei unklarer Ursache einer Bewusstlosigkeit raten die Fachleute davon ab, Insulin oder Glukagon auf Verdacht zu geben.

Sofort Hilfe holen: Diese Zeichen zählen

Bei bestimmten Warnzeichen ist sofortige medizinische Hilfe nötig, ohne auf weitere Messungen oder Beobachtung zu warten. Der Notruf 112 ist angezeigt, wenn die betroffene Person bewusstlos ist, einen Krampfanfall hat, deutlich verwirrt ist, nicht ansprechbar ist oder sich nicht mehr selbst helfen kann. Bei einer bewusstlosen Person nichts in den Mund geben, weil Erstickungsgefahr besteht. Die Leitstelle sollte über den Diabetes informiert werden, sofern er bekannt ist.

Editorial illustration of a person calling emergency services on a phone while another person lies unconscious nearby, with a hand gesture indicating not to give anything by mouth.
Bei Bewusstlosigkeit oder Krampfanfall sofort den Notruf 112 wählen.

Auch bei Verdacht auf eine Ketoazidose ist umgehend medizinische Hilfe erforderlich, besonders bei vertiefter Atmung, süßlichem Atem, wiederholtem Erbrechen, Bauchschmerzen oder zunehmender Schläfrigkeit. Bei starken Symptomen wie Erbrechen, Bauchschmerzen oder Schläfrigkeit sollte unverzüglich ärztliche Hilfe geholt werden. Bei Bewusstseinsstörung oder schwerem akutem Zustand ist der Notruf der richtige Weg. Beim Verdacht auf eine HHS mit starker Schwäche, Schwindel, Krämpfen oder Bewusstseinsveränderungen ist ebenfalls der Notruf 112 der richtige Weg.

Wer nicht zuverlässig selbst behandeln kann, dessen Zustand sich verschlechtert oder dessen Beschwerden trotz des persönlich vereinbarten Notfallplans anhalten, sollte sich nicht allein auf eine Zahl oder weitere Selbstbeobachtung verlassen. Er sollte ärztliche Hilfe einholen. Der persönliche Notfallplan, den das Behandlungsteam mit der betroffenen Person bespricht, ist in solchen Situationen die beste Grundlage.