Bei Typ-2-Diabetes gibt es keinen Blutzuckerwert, der für alle Betroffenen als „normal" gilt. Die deutsche Nationale VersorgungsLeitlinie (NVL) empfiehlt, Therapieziele individuell mit dem Behandlungsteam zu vereinbaren; Diagnosewerte eignen sich nicht automatisch als Therapieziele. Wer Orientierungswerte sucht, sollte daher zwischen Diagnosewerten, Werten für Menschen ohne Diabetes und persönlichen Therapiezielen unterscheiden.
Warum es keinen Einheitswert gibt
Die NVL Typ-2-Diabetes empfiehlt, das HbA1c-Ziel individuell zu vereinbaren. Der HbA1c-Wert gibt an, wie hoch die mittlere Plasmaglukose der vergangenen 8 bis 12 Wochen war. Er ergänzt einzelne Momentmessungen, ersetzt sie aber nicht vollständig.
Die Leitlinie nennt einen Orientierungskorridor von 6,5 bis 8,5 Prozent (48 bis 69 mmol/mol). Dieser Korridor ist kein pauschales Ziel für jede Person. Die Leitlinie nennt als Einflussfaktoren unter anderem Begleiterkrankungen, Lebenserwartung, funktionelle und kognitive Fähigkeiten, Diabetesdauer, persönliche Wünsche, Unterstützungsmöglichkeiten sowie das Risiko für Unterzuckerungen und Arzneimittelnebenwirkungen. Bei schwerer Stoffwechselentgleisung gilt der Korridor nicht.
Auch innerhalb der deutschen Leitlinienarbeit gibt es unterschiedliche Fachpositionen. Im Anhang der NVL nennen mehrere Fachgesellschaften einen HbA1c-Korridor von 6,5 bis 7,5 Prozent, für multimorbide ältere Menschen oder eine stark eingeschränkte Lebenserwartung weniger strenge Ziele. Die NVL kennzeichnet diese Positionen ausdrücklich als nicht konsentiert. Sie sind keine gleichrangige allgemeine Leitlinienempfehlung.
Werte vor und nach dem Essen
Häufig genannte Zahlen sind 100 bis 125 mg/dl (5,6 bis 6,9 mmol/l) nüchtern und 140 bis 199 mg/dl (7,8 bis 11,0 mmol/l) ein bis zwei Stunden nach dem Essen. Diese Werte stammen aus einer Vorgängerversion der Leitlinie von 2014 und sind keine aktuellen, allgemeingültigen Therapieziele für Menschen mit Typ-2-Diabetes. Sie beschreiben erhöhte beziehungsweise prädiabetische Laborwerte.
Als internationaler Vergleich nennt die American Diabetes Association (ADA) für viele nicht schwangere Erwachsene mit Diabetes Orientierungsziele von 80 bis 130 mg/dl (etwa 4,4 bis 7,2 mmol/l) vor einer Mahlzeit und unter 180 mg/dl (unter 10,0 mmol/l) ein bis zwei Stunden nach Beginn einer Mahlzeit. Auch die ADA betont, dass die Ziele individuell angepasst werden können. Diese Zahlen stammen aus US-amerikanischen Empfehlungen und sind keine deutsche Einheitsvorgabe.
Diagnosewerte sind keine Behandlungsziele
Werte, die zur Diagnose oder zur Erkennung eines erhöhten Diabetesrisikos herangezogen werden, sind nicht automatisch die passenden Selbstmess- oder Therapieziele für jemanden, bei dem Typ-2-Diabetes bereits diagnostiziert ist. Die NVL führt als diagnostische Schwellen unter anderem eine Nüchternplasmaglukose von 126 mg/dl (7,0 mmol/l) sowie einen HbA1c von 6,5 Prozent (48 mmol/mol) auf. Die Diagnose soll in Zusammenschau von Anamnese, klinischen Befunden und bestätigten Laborwerten gestellt werden; zwei Laborwerte im pathologischen Bereich sind zur Bestätigung erforderlich. Ein handelsübliches Selbstmessgerät eignet sich laut NVL nicht zur Diagnosestellung.
Auch bei den Schwellen für ein erhöhtes Diabetesrisiko unterscheiden sich die Angaben: Je nach fachlichem Ansatz werden Nüchternwerte von 100 bis 125 mg/dl oder nach WHO-orientierter Einschätzung 110 bis 125 mg/dl genannt. Ein einzelner Wert lässt sich deshalb nicht losgelöst vom Kontext als Diagnose interpretieren.
Einzelne Messwerte richtig einordnen
Ein Blutzuckermesswert ist eine Momentaufnahme, der HbA1c bildet einen längerfristigen Durchschnitt ab. Wiederholte Werte oder ein Verlauf sind deshalb aussagekräftiger als ein isolierter Messwert. Der Nüchternwert setzt voraus, dass mindestens acht Stunden nichts gegessen wurde; Wasser ist ausgenommen. Messzeitpunkt, Mahlzeiten, Aktivität und Stress können die Interpretation beeinflussen.
Bei auffälligen oder wiederholt niedrigen Werten gehört die Besprechung mit dem Behandlungsteam, nicht eine eigenständige Anpassung von Medikamenten oder Dosierungen. Ob und wann gemessen wird, sollte mit dem Behandlungsteam abgestimmt sein. Der HbA1c selbst hat Grenzen: Er kann durch veränderten Erythrozytenumsatz und weitere Störfaktoren beeinflusst sein und ist nicht in jeder Situation allein aussagekräftig.