„Jugenddiabetes" ist keine präzise medizinische Diagnose. Im Alltag meint der Begriff meist Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen: eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse zerstört. Ohne Insulin kann der Körper den Zucker aus dem Blut nicht in die Zellen aufnehmen. Der Blutzucker steigt und verursacht mit der Zeit die typischen Beschwerden.
Die wichtigsten Warnzeichen sind starker Durst, häufiges Wasserlassen, ungewöhnliche Müdigkeit und ungewollter Gewichtsverlust, die sich innerhalb von Tagen bis wenigen Wochen entwickeln und rasch zunehmen. Wer diese Anzeichen bei einem Kind bemerkt, sollte noch am selben Tag ärztlichen Rat suchen. Bei Jugendlichen kommt seltener auch Typ-2-Diabetes vor, der meist schleichender beginnt.
Klassische Warnzeichen
Starker Durst, häufiges Wasserlassen, Müdigkeit und Gewichtsverlust hängen bei einem neu beginnenden Typ-1-Diabetes direkt zusammen. Weil das Insulin fehlt, bleibt der Zucker im Blut zurück. Die Nieren scheiden den überschüssigen Zucker zusammen mit viel Flüssigkeit aus. Dadurch muss das Kind häufiger Wasser lassen und verliert dabei viel Wasser. Der Körper meldet diesen Verlust als Durst. Die Zellen können den Zucker nicht als Energiequelle nutzen. Deshalb greift der Körper auf Fett- und Muskelreserven zurück. Das Kind nimmt ab, fühlt sich schlapp und ist weniger leistungsfähig. Auch ein gesteigerter Appetit ist möglich.
Die Beschwerden verstärken sich bei Kindern und Jugendlichen meist von Tag zu Tag. Diabinfo und der britische Gesundheitsdienst NHS nennen einen Zeitraum von wenigen Tagen bis wenigen Wochen, in dem sich die Symptome ausprägen. Das US-amerikanische CDC weist darauf hin, dass der Beginn trotzdem unterschiedlich verlaufen kann: Manche Kinder zeigen zunächst keine Beschwerden. Die Zeichen treten erst auf, wenn die Stoffwechselentgleisung schon weiter fortgeschritten ist. Ein einzelnes Symptom wie Müdigkeit beweist daher nichts. Entscheidend sind die Kombination aus mehreren Anzeichen und der rasche Verlauf.
Weitere Warnzeichen bei Kindern
Bei Kindern fallen oft Zeichen auf, die bei Erwachsenen keine Rolle spielen: Ein Kind, das nachts seit Langem trocken war, beginnt wieder einzunässen. Jüngere Kinder tragen auffallend schwere Windeln. Auch häufige Toilettengänge in der Schule oder beim Sport können auffallen. Zusätzlich können Konzentrationsprobleme und ein Leistungsabfall auftreten. Auch Sehstörungen und Gereiztheit sind möglich.
Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen sind Warnzeichen für einen fortgeschrittenen Zustand, sie können aber auch die erste auffällige Beschwerde sein. Diese Symptome ähneln einem Magen-Darm-Infekt. Bei einem Magen-Darm-Infekt fehlen dagegen der starke Durst, das häufige Wasserlassen und der Gewichtsverlust.
Ketoazidose als Notfall erkennen
Wenn der Insulinmangel stark wird, kippt der Stoffwechsel. Der Körper bildet vermehrt Ketonkörper. Das Blut übersäuert und verliert Flüssigkeit und Elektrolyte. Ärzte bezeichnen diesen Zustand als diabetische Ketoazidose. Er ist ein medizinischer Notfall. Folgende Zeichen sprechen dafür:
- wiederholtes Erbrechen und Übelkeit,
- Bauchschmerzen,
- süßlich-fruchtiger Atemgeruch nach Aceton,
- vertiefte oder sehr schnelle Atmung,
- Benommenheit, Verwirrtheit oder Bewusstlosigkeit.
Bei diesen Anzeichen sollte man nicht abwarten. Die Beschwerden können sich innerhalb von Stunden verschlechtern. Wer Erbrechen, auffällige Atmung oder Bewusstseinsstörungen beobachtet, ruft sofort den Rettungsdienst über 112. Auch starker Durst, trockener Mund und seltenes Wasserlassen gehören zum Bild, denn der Körper trocknet aus.
Die S3-Leitlinie definiert die Ketoazidose nicht über einen einzelnen Blutzuckergrenzwert. Maßgeblich ist die Kombination aus erhöhtem Blutzucker, Ketonen im Blut und Übersäuerung. Blutzuckerwerte über 250 mg/dl sind dabei häufig, aber nicht zwingend; auch bei niedrigeren Werten kann eine Ketoazidose entstehen.
Typ 1 und Typ 2 unterscheiden
Typ-1-Diabetes beginnt bei Kindern und Jugendlichen meist schnell, Typ-2-Diabetes entwickelt sich über Monate oder Jahre und bleibt anfangs oft symptomarm. Beim Typ 1 fallen vor allem der rasche Gewichtsverlust, starker Durst, häufiges Wasserlassen und ein Leistungsknick auf. Beim Typ 2 stehen seltener akute Beschwerden im Vordergrund. Mögliche Hinweise sind langsam heilende Wunden, dunkle Hautverfärbungen in Hautfalten oder Kribbeln in Händen und Füßen. Diese Zeichen beweisen den Typ aber nicht.
In Deutschland dominiert bei Kindern und Jugendlichen der Typ 1 klar. Typ-2-Diabetes ist in dieser Altersgruppe deutlich seltener.
Weil sich die Typen über Symptome nicht sicher trennen lassen, muss die Zuordnung medizinisch erfolgen. Die S3-Leitlinie weist ausdrücklich darauf hin, dass auch eine Ketoazidose einen Typ-2-Diabetes nicht ausschließt.
Wie die Diagnose bestätigt wird
Symptome allein beweisen keinen Diabetes. Nach der S3-Leitlinie ist die Diagnose bestätigt, wenn eines der folgenden Kriterien vorliegt. Der Nüchternblutzucker beträgt mindestens 126 mg/dl (7,0 mmol/l). Der 2-Stunden-Wert im oralen Glukosetoleranztest, also nach einem standardisierten Zuckertrunk, beträgt mindestens 200 mg/dl (11,1 mmol/l). Der Langzeitblutzuckerwert HbA1c beträgt mindestens 6,5 Prozent. Bei typischen Symptomen genügt ein zufällig gemessener Blutzucker von mindestens 200 mg/dl (11,1 mmol/l).
Für die Einordnung des Diabetestyps untersuchen Ärztinnen und Ärzte Autoantikörper im Blut. Ein positiver Nachweis spricht für Typ-1-Diabetes. Bei etwa 5 Prozent der Betroffenen lassen sich allerdings keine Antikörper nachweisen. Sie gelten dann als idiopathischer Typ-1-Diabetes.
Ein einzelner erhöhter Wert aus einem Heimgerät ersetzt keine ärztliche Diagnose. Umgekehrt lässt sich mit einem unauffälligen Einzelwert ein dringender Verdacht nicht entkräften. Das gilt besonders, wenn das Kind erbricht, wenig trinkt oder sich der Zustand rasch verschlechtert. Ärztinnen und Ärzte bewerten Symptome, klinischen Zustand und Laborbefunde gemeinsam.
Was Eltern oft falsch deuten
Typ-1-Diabetes wird nicht durch zu viel Zucker oder ungesundes Essen verursacht. Die Ursache ist eine Autoimmunreaktion. Diabinfo hebt hervor, dass die Ernährung des Kindes daran keinen Anteil hat. Ein Kind mit Übergewicht kann trotzdem Typ-1-Diabetes haben, und Normalgewicht schließt die Erkrankung nicht aus. Auch deshalb ist die Zuordnung eines Diabetestyps allein über das Erscheinungsbild unsicher.
Die Symptome sind schwer zu erkennen, wenn sie wie etwas anderes aussehen. Häufiges Wasserlassen kann als Harnwegsinfekt missverstanden werden, Übelkeit und Erbrechen als Magen-Darm-Infekt. Im Jugendalter sind Müdigkeit, Stimmungsschwankungen und Gewichtsveränderungen ohnehin häufig. Entscheidend sind die Kombination aus mehreren Zeichen und die Geschwindigkeit, mit der sie zunehmen. Ein einzelnes Symptom beweist nichts.