Ungenaue Begriffe in Diabetesberichten können dazu führen, dass Leser Ursachen, Risiken und Behandlungen falsch verstehen. Häufige Fehler sind, verschiedene Diabetesformen gleichzusetzen oder aus einem Studienergebnis eine gesicherte Ursache abzuleiten.

Editorial illustration for Die fünf häufigsten Fehler im Diabetes-Journalismus

Eine deutsche Inhaltsanalyse untersuchte 645 Beiträge aus sechs überregionalen Medien aus den Jahren 2012 bis 2018. Unter den 219 Beiträgen über Diabetes fand sie, dass die Diabetesformen nicht ausreichend unterschieden wurden. Die folgenden fünf Punkte helfen Redaktionen beim Prüfen. Sie sind keine empirische Rangliste für alle deutschsprachigen Medien.

1. Diabetes-Typ klar benennen

„Diabetes“ bezeichnet mehrere Erkrankungen. Typ 1 ist eine Autoimmunerkrankung, bei der der Körper zu wenig oder kein Insulin produziert. Bei Typ 2 reagiert der Körper unter anderem nicht ausreichend auf Insulin. Die Erkrankung entsteht durch mehrere Faktoren. Schwangerschaftsdiabetes und weitere Formen haben wiederum eigene Merkmale.

Wenn Berichte Ursachen oder Behandlungen ohne Angabe des Typs verallgemeinern, vermitteln sie ein falsches Bild. Auch das Alter ist kein verlässlicher Hinweis: Typ 1 und Typ 2 treten in unterschiedlichen Lebensaltern auf. Eine deutsche Inhaltsanalyse fand, dass Beiträge die Diabetesformen häufig nicht ausreichend unterschieden.

Nennen Sie in Überschrift, Bildzeile und Text den Typ, wenn die Aussage einen bestimmten Typ betrifft. Ist er unbekannt, sollten Sie keine typenspezifische Ursache oder Behandlung als allgemeingültig darstellen.

2. Risikofaktoren ohne Schuldzuweisung einordnen

Bei Typ 2 können Ernährung und Bewegung eine Rolle spielen. Auch Adipositas zählt zu den möglichen Einflussfaktoren. Daraus folgt nicht, dass sich die Erkrankung bei einer einzelnen Person auf deren Verhalten zurückführen lässt. Auch genetische und soziale Einflüsse spielen eine Rolle. Ein Risikofaktor erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung. Er beweist nicht, was die Erkrankung bei einer einzelnen Person verursacht hat.

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Eine deutsche Untersuchung von Zeitungsbeiträgen aus den Jahren 2015 bis 2019 ergab, dass Berichte über Typ 2 Gründe und Lösungen häufiger beim einzelnen Menschen verorteten. Die Auswahl war begrenzt und erlaubt keine abschließende Aussage über den gesamten Journalismus. Sie weist aber auf eine typische Verkürzung hin: Prävention wird zur moralischen Bewertung, wenn aus „kann das Risiko beeinflussen“ ein Vorwurf wird.

Beschreiben Sie veränderbare Faktoren sachlich und ordnen Sie sie neben weiteren Einflüssen ein. Vermeiden Sie Formulierungen, die eine Diagnose oder Folgeerkrankung als persönliches Versagen darstellen. Studien zur Sprache rund um Diabetes verbinden stigmatisierend wahrgenommene Kommunikation mit einer höheren Belastung durch Diabetes und, in mehreren Studien, mit höheren HbA1c-Werten. HbA1c ist ein Blutwert, der den durchschnittlichen Blutzucker der vergangenen Wochen abbildet. Die Befunde belegen keinen direkten kausalen Effekt einzelner Medienformulierungen.

3. Remission nicht mit Heilung verwechseln

Sinkende Blutzuckerwerte oder weniger Medikamente bedeuten nicht automatisch, dass Diabetes geheilt ist. Ein internationaler Konsensbericht empfiehlt, bei Typ-2-Diabetes von „Remission“ zu sprechen. Als übliches Kriterium nennt er einen HbA1c-Wert unter 6,5 Prozent, der mindestens drei Monate nach dem Absetzen blutzuckersenkender Medikamente gemessen wurde. Eine Remission kann enden. Deshalb ist weitere Beobachtung nötig.

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Diese Definition gilt nicht für alle Diabetesformen. Typ-1-Diabetes gilt nach der Fachinformation von diabinfo bislang als nicht heilbar und ist insulinpflichtig. Bei Typ 2 können sich Werte durch Änderungen der Lebensweise verbessern. Das bedeutet nicht, dass Typ 2 allgemein als heilbar gilt.

Prüfen Sie bei Erfolgsgeschichten, welcher Diabetes-Typ vorliegt, welche Behandlung erfolgte und über welchen Zeitraum Werte gemessen wurden. Verwenden Sie „Remission“ nur, wenn die Kriterien dazu passen, und leiten Sie aus einem Einzelfall keine allgemeine Wirkung ab.

4. Studienergebnisse nicht zum Durchbruch erklären

Eine einzelne Studie kann einen Hinweis liefern. Sie beweist für sich genommen weder eine Ursache noch eine allgemeine Wirkung. Eine Beobachtungsstudie zeigt einen Zusammenhang. Wenn die Überschrift daraus eine Ursache macht, entsteht ein falscher Eindruck. Ein relatives Risiko zeigt für sich genommen nicht, wie groß der Unterschied in absoluten Zahlen ist.

Prüfen Sie Studiendesign, Teilnehmendenzahl, Beobachtungsdauer und Einschränkungen. Wenn absolute Zahlen vorliegen, nennen Sie sie neben relativen Angaben. Eine Pressemitteilung eignet sich als Recherchehinweis, ersetzt aber nicht die Studie selbst.

5. Messwerte und Therapieziele individuell einordnen

Ein einzelner HbA1c- oder Blutzuckerwert beschreibt nicht die gesamte gesundheitliche Lage eines Menschen. Für eine Diabetesdiagnose zählen unter anderem die Krankengeschichte und klinische Befunde. Auch bestätigte Laborwerte zählen dazu. Die Nationale Versorgungsleitlinie zu Typ-2-Diabetes, Version 3, empfiehlt zwei Laborwerte im krankhaften Bereich. Bei Grenzwerten soll die Unsicherheit berücksichtigt und die Diagnose gegebenenfalls später überprüft werden.

Auch Therapieziele hängen von der jeweiligen Person ab. Die Leitlinie empfiehlt, Ziele gemeinsam mit der betroffenen Person festzulegen und an deren Lebenssituation und Bedürfnissen auszurichten. Eine pauschale Aussage wie „für alle gilt derselbe Zielwert“ lässt diesen Kontext verschwinden.

Geben Sie bei Messwerten an, was gemessen wurde und was sich daraus ablesen lässt. Stellen Sie die Behandlung als individuelle ärztliche Entscheidung dar und leiten Sie daraus keine allgemeine Empfehlung für alle Betroffenen ab.

Vor der Veröffentlichung prüfen

Prüfen Sie vor der Veröffentlichung, ob der Beitrag diese Punkte klar macht:

  • Ist klar, welcher Diabetes-Typ gemeint ist?
  • Sind Risikofaktoren ohne Schuldzuweisung eingeordnet?
  • Werden Remission, Verbesserung und Heilung auseinandergehalten?
  • Sind Studiendesign und Größenordnung der Ergebnisse erkennbar?
  • Werden Messwerte und Behandlungsziele in den individuellen Kontext gesetzt?