Für ältere Menschen mit Diabetes gibt es keinen einheitlichen Blutzucker-Normalwert. Der passende Zielwert hängt vom Gesundheitszustand, der Selbstständigkeit, von Begleiterkrankungen, der Lebenserwartung und vor allem vom Risiko für Unterzuckerungen ab.

Drei Wertbereiche sind getrennt zu betrachten: Werte, die einen Diabetes diagnostizieren, Zielwerte für die Behandlung und Werte, ab denen akute Gefahr besteht.

Warum es keinen Einheitswert gibt

Das Lebensalter allein reicht nicht aus, um einen Zielwert festzulegen. Zwei 80-Jährige können sehr unterschiedliche Ziele brauchen: Eine körperlich aktive, geistig fitte Person mit wenigen Erkrankungen kann anders behandelt werden als eine gebrechliche Person mit Demenz, Niereninsuffizienz und unregelmäßiger Nahrungsaufnahme. Diese Einschätzung teilen deutsche und internationale Empfehlungen.

Die aktuelle Nationale VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes gilt bis Mai 2028 und nennt für den HbA1c einen Orientierungsbereich von 6,5 bis 8,5 Prozent. Der HbA1c ist der Langzeitblutzucker: Er zeigt den durchschnittlichen Blutzucker der vergangenen etwa 8 bis 12 Wochen. Auch die Deutsche Diabetes Gesellschaft nennt in ihrer Praxisempfehlung von 2025 diesen Korridor. Der Zielwert wird gemeinsam mit dem behandelnden Arzt festgelegt und richtet sich nach der individuellen Situation, nicht nach dem Lebensalter allein.

Welche Werte gemessen werden

Vier Messgrößen sind im Alltag wichtig: der Nüchternblutzucker, der Blutzucker nach dem Essen, der HbA1c und bei manchen Menschen die kontinuierliche Glukosemessung (CGM), bei der ein Sensor den Zuckerspiegel laufend misst.

Als allgemeine Orientierung gilt ein Nüchternblutzucker von 100 bis 125 mg/dl und ein Wert von 140 bis 199 mg/dl ein bis zwei Stunden nach dem Essen. Diese Bereiche sind jedoch keine starren Therapieziele für ältere Menschen mit Diabetes. Sie müssen zusammen mit dem HbA1c, Symptomen und der Therapie betrachtet werden.

Der HbA1c ist der wichtigste Langzeitwert, zeigt aber keine kurzfristigen Schwankungen. Ein guter HbA1c-Wert schließt nicht aus, dass eine Person wiederholt gefährlich niedrige Werte hat. Bei älteren Menschen kann der HbA1c zudem weniger zuverlässig sein, etwa bei schwerer Nierenerkrankung, Blutverlust, Bluttransfusionen oder Erkrankungen mit verändertem Umsatz roter Blutkörperchen. In solchen Situationen helfen direkte Blutzuckermessungen oder ein CGM-System bei der Beurteilung.

HbA1c-Ziele nach Gesundheitszustand

Bei relativ fitten älteren Menschen mit wenigen und stabilen Begleiterkrankungen, guter Mobilität und intakter Kognition kann ein HbA1c-Ziel von etwa 7,0 bis 7,5 Prozent angemessen sein. Ein niedrigerer Wert ist aber nicht automatisch besser. Er ist nur dann sinnvoll, wenn er ohne schwere oder wiederkehrende Unterzuckerungen, ohne unverhältnismäßige Medikamentenbelastung und ohne übermäßige Einschränkung des Alltags erreicht werden kann.

Bei mehreren chronischen Erkrankungen, eingeschränkter Alltagskompetenz oder leichter bis mittelschwerer kognitiver Beeinträchtigung werden weniger strenge Ziele empfohlen. Die amerikanische Diabetes-Gesellschaft ADA nennt hier einen HbA1c unter 8,0 Prozent. Die deutsche Leitlinie ordnet solche Situationen in einen breiteren Korridor ein, der bis etwa 8,5 Prozent reichen kann. Dieser Wert ist keine pauschale Empfehlung für alle Menschen über 70, sondern eine mögliche Orientierung bei ungünstigerer gesundheitlicher Ausgangslage.

Bei sehr komplexem Gesundheitszustand, ausgeprägter Demenz oder begrenzter Lebenserwartung steht nicht mehr die möglichst niedrige HbA1c-Zahl im Vordergrund. Hier geht es darum, Unterzuckerungen und eine symptomatische Überzuckerung zu vermeiden. Therapieziele können sich stärker an Durst, häufigem Wasserlassen, Schwäche, Austrocknung, Infektionen, Wundheilung und Lebensqualität orientieren.

Warum Unterzuckerung gefährlich ist

Ein Blutzuckerwert unter 70 mg/dl gilt als Unterzuckerung. Bei älteren Menschen können die typischen Warnzeichen wie Zittern, Unruhe oder Herzklopfen fehlen. Stattdessen zeigt sich eine Unterzuckerung durch Verwirrtheit, Schwäche, Schwindel, Gangunsicherheit oder ungewöhnliches Verhalten. Dadurch steigt das Risiko für Stürze, Verletzungen und Folgekomplikationen. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft nennt die Vermeidung von Unterzuckerungen deshalb als vorrangiges Therapieziel.

Besonders gefährdet sind Menschen mit Insulintherapie oder mit Sulfonylharnstoffen, einer Gruppe von Diabetes-Medikamenten, die den Blutzucker senken und Unterzuckerungen auslösen können. Weitere Risikofaktoren sind unregelmäßige oder reduzierte Nahrungsaufnahme, eingeschränkte Nierenfunktion, akute Erkrankungen, Demenz und die gleichzeitige Einnahme mehrerer Medikamente. Bei wiederholten schweren Unterzuckerungen sollte die Behandlung überprüft und gegebenenfalls vereinfacht oder weniger strikt ausgerichtet werden. Bei Bewusstlosigkeit, Krampfanfällen oder wenn die Person nicht mehr selbstständig essen oder trinken kann, ist sofort der Notruf (112) zu wählen.

Auch hohe Werte vermeiden

Eine weniger strenge Einstellung bedeutet nicht, dauerhaft sehr hohe Werte zu akzeptieren. Ausgeprägte Überzuckerung kann zu Durst, häufigem Wasserlassen, Austrocknung, Schwäche, Infektionen und schlechterer Wundheilung beitragen. Auch bei sehr komplexem Gesundheitszustand sollte eine symptomatische Überzuckerung vermieden werden.

Mit zunehmendem Alter werden die Therapieziele häufig weniger streng, aber nicht beliebig. Ältere Menschen dürfen nicht grundsätzlich höhere Zuckerwerte haben. Entscheidend ist die Balance zwischen dem Schutz vor langfristigen Schäden und der Vermeidung akuter Unter- und Überzuckerungen.

Wann ärztliche Abklärung nötig ist

Für die Diagnose eines Diabetes gelten andere Maßstäbe als für die Therapie. In der Regel sind zwei auffällige Laborwerte nötig, um einen Typ-2-Diabetes sicher zu diagnostizieren. Bei Grenzwerten sollte die Diagnose im Verlauf überprüft werden. Einzelne Messungen mit einem Heimgerät reichen weder zur sicheren Diagnose noch zur eigenständigen Anpassung einer verschriebenen Therapie aus.

Der HbA1c steigt mit zunehmendem Alter auch bei Menschen ohne Diabetes etwas an. Für nicht-diabetische Menschen ab 60 Jahren werden je nach Bevölkerungsgruppe Referenzbereiche bis etwa 6,4 beziehungsweise 6,6 Prozent angegeben. Diese Referenzbereiche sind keine Therapieziele und ersetzen keine ärztliche Diagnostik. Wer für sich oder einen Angehörigen unklare Werte oder Symptome wie starken Durst, häufiges Wasserlassen oder unerklärliche Müdigkeit bemerkt, sollte eine ärztliche Praxis aufsuchen.