In Deutschland wird die Zahl der Menschen mit diagnostiziertem Typ-2-Diabetes voraussichtlich weiter steigen. Wie stark die Zahl steigt, hängt auch davon ab, wie viele Menschen neu erkranken und wie lange sie mit der Erkrankung leben. Hinzu kommt die Entwicklung der Bevölkerung. Laut einer Prognose des Robert Koch-Instituts (RKI) wären 2050 rund elf Millionen Menschen betroffen, wenn bestimmte Trends anhalten. Das ist ein berechnetes Szenario, keine sichere Vorhersage.

Die Prävalenz beschreibt, wie viele Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt mit einer Krankheit leben. Die Inzidenz zählt dagegen die Neuerkrankungen in einem Zeitraum. Beide Werte helfen, die Entwicklung einzuordnen: Die Zahl der Betroffenen kann steigen, obwohl die Neuerkrankungen nicht zunehmen, etwa wenn Menschen länger mit Diabetes leben.

Eine Gruppe von Menschen steht in einer medizinischen Umgebung; eine neu hinzukommende Person verdeutlicht den Unterschied zwischen bestehender Prävalenz und neuen Fällen.
Die Zahl der Menschen, die mit Diabetes leben, und die Zahl der Neuerkrankungen beschreiben unterschiedliche Entwicklungen.

Was bis 2050 erwartet wird

Für 2022 schätzt das RKI die Zahl der Erwachsenen mit diagnostiziertem Typ-2-Diabetes auf 6,05 Millionen. Das entsprach 8,6 Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Die Schätzungen für 2050 fallen sehr unterschiedlich aus. Das hängt davon ab, welche Entwicklung bei Neuerkrankungen und Sterblichkeit angenommen wird.

Annahme für die Modellrechnung Betroffene 2050 Anteil an der Bevölkerung
Neuerkrankungsrate und diabetesbedingte Übersterblichkeit bleiben konstant 11,01 Millionen 16,1 Prozent
Neuerkrankungsrate sinkt jährlich um 2 Prozent 8,39 Millionen 12,2 Prozent
Neuerkrankungsrate und diabetesbedingte Übersterblichkeit sinken jährlich um 2 Prozent 8,94 Millionen 13,0 Prozent

Diabetesbedingte Übersterblichkeit bedeutet, dass Menschen mit Diabetes häufiger sterben als Menschen ohne Diabetes. Sinkt sie, leben mehr Betroffene länger mit der Erkrankung. Dadurch kann die Zahl der Menschen mit Diabetes trotz sinkender Neuerkrankungsrate höher ausfallen als in einem Szenario, in dem die Übersterblichkeit gleich bleibt.

Weitere Modellvarianten reichen für 2050 von rund 7,4 bis 15,3 Millionen Betroffenen. Diese breite Spanne zeigt, wie stark das Ergebnis von den Annahmen abhängt. Die Rechnungen berücksichtigen außerdem die erwartete Bevölkerungsentwicklung.

Ein Weg verzweigt sich in mehrere Richtungen und führt zu unterschiedlich großen Gruppen von Menschen; die Szene steht für verschiedene mögliche Modellverläufe.
Die Projektionen hängen davon ab, welche Annahmen die Modelle zugrunde legen.

Warum die Prognosen auseinandergehen

Eine weitere Modellstudie kommt für 2040 je nach Szenario zu unterschiedlichen Ergebnissen. In einem Szenario, das von einer gleichbleibenden Prävalenz ausgeht, wären es 8,1 Millionen. Dabei rechneten die Forschenden beobachtete Entwicklungen bei den Neuerkrankungen für unterschiedlich lange Zeiträume weiter. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht direkt mit den RKI-Werten gleichsetzen. Die Modelle beruhen auf unterschiedlichen Annahmen und betrachten unterschiedliche Zeiträume.

Editorial illustration for Typ-2-Diabetes: Die Entwicklung bis 2050

Eine RKI-Auswertung von Abrechnungsdaten fand zunächst sinkende Neuerkrankungsraten. Während der Pandemie gingen die erfassten Diagnosen zunächst weiter zurück und stiegen anschließend wieder an. Weniger Arztbesuche während der Pandemie könnten dazu geführt haben, dass Erkrankungen später erkannt wurden. Der spätere Anstieg könnte teilweise auf nachgeholte Diagnosen zurückgehen. Die beobachtete Entwicklung belegt daher nicht, dass sich das tatsächliche Erkrankungsrisiko entsprechend verändert hat.

Was die aktuellen Zahlen aussagen

In einer RKI-Befragung gaben 10,3 Prozent der Erwachsenen für 2024 an, ärztlich diagnostizierten Diabetes zu haben. Schwangerschaftsdiabetes war ausgeschlossen. Der Anteil des bekannten Diabetes lag 2003 bei 5,8 Prozent. Diese Erhebung umfasst alle Diabetesformen, nicht nur Typ 2. Mehr als 90 Prozent der Menschen mit Diabetes haben Typ 2. Trotzdem zeigen die Werte nicht, wie sich Typ-2-Diabetes allein entwickelt hat. Die Befragung und die RKI-Prognose für diagnostizierten Typ-2-Diabetes beruhen zudem auf unterschiedlichen Methoden.

Auch wenn man Unterschiede in der Altersstruktur herausrechnet, stieg der Anteil des bekannten Diabetes: von 6,0 Prozent im Jahr 2003 auf 9,7 Prozent im Jahr 2024. Fachleute nennen das altersstandardisiert. Das RKI nennt eine älter werdende Bevölkerung und längeres Leben mit Diabetes als mögliche Gründe für den Anstieg. Auch veränderte Diagnosekriterien kommen laut RKI als Erklärung infrage. Aktuelle repräsentative Daten zum unerkannten Diabetes fehlen. Die Zahl der diagnostizierten Fälle bildet daher nicht alle Menschen ab, die tatsächlich betroffen sind.

Internationale Schätzungen scheinen auf den ersten Blick den deutschen Prognosen zu widersprechen. Der Diabetes-Atlas der International Diabetes Federation nennt für Deutschland 6,5 Millionen Erwachsene mit Diabetes im Alter von 20 bis 79 Jahren für 2024 und 6,1 Millionen für 2050. Diese Zahlen umfassen diagnostizierten und nicht diagnostizierten Diabetes, während das RKI diagnostizierten Typ-2-Diabetes in einer anders abgegrenzten erwachsenen Bevölkerung modelliert.

Was die Entwicklung praktisch bedeutet

Die Prognosen helfen vor allem bei der Planung medizinischer Versorgung, etwa bei Untersuchungen und Behandlungen. Eine größere Zahl älterer Menschen mit Diabetes erhöht den Bedarf an passender medizinischer Betreuung. RKI-Daten zeigen auch Unterschiede nach Bildungsstand: 2024 war bekannter Diabetes bei Menschen mit niedrigerem Bildungsstand häufiger als bei Menschen mit mittlerem oder höherem Bildungsstand. Prävention und Versorgung sollten diese Unterschiede berücksichtigen.

Editorial illustration for Typ-2-Diabetes: Die Entwicklung bis 2050

Eine Prognose für ganz Deutschland sagt nichts Genaues über das persönliche Risiko aus. Wer sich wegen des eigenen Risikos oder möglicher Beschwerden sorgt, kann das beim nächsten Arztgespräch ansprechen und klären, ob eine Untersuchung sinnvoll ist. Aus den Bevölkerungsmodellen lässt sich nicht ableiten, wie viele Fälle eine bestimmte Maßnahme verhindern würde.