Zittern bei Diabetes kann ein Warnzeichen für eine Unterzuckerung sein. Bei einer Hypoglykämie ist zu wenig Glukose, also Zucker, im Blut. Der Körper schüttet dann Stresshormone wie Adrenalin aus. Deshalb können Zittern, Schwitzen, Herzklopfen, Unruhe und Heißhunger auftreten.
Zittern allein beweist keine Unterzuckerung. Wichtig sind der zeitliche Zusammenhang, weitere Beschwerden, die Diabetesbehandlung und eine Glukosemessung. Rasches Handeln ist nötig, wenn zusätzlich Verwirrtheit, Krampfanfälle, Bewusstseinsstörungen oder fehlende Schluckfähigkeit auftreten.
Typische Zeichen einer Unterzuckerung
Zittern gehört zu den sogenannten adrenergen Warnzeichen. Diese Zeichen entstehen, weil der Körper auf den sinkenden Glukosewert reagiert. Häufig treten mehrere Beschwerden gleichzeitig auf:
- Zittern, besonders an Händen oder im ganzen Körper
- kalter Schweiß
- Herzklopfen oder ein schneller Puls
- Heißhunger
- Unruhe, Nervosität oder Reizbarkeit
- Blässe
Sinkt der Glukosewert weiter, bekommt das Gehirn zu wenig Energie. Dann treten sogenannte neuroglykopene Beschwerden auf. Dazu gehören Konzentrationsstörungen, ungewöhnliches Verhalten, Sprach- und Sehstörungen, starke Müdigkeit, Verwirrtheit, Krampfanfälle und Bewusstlosigkeit. Eine schwere Hypoglykämie kann unbehandelt zu Koma und bleibenden Schäden führen, wie das MSD Manual zur Unterzuckerung beschreibt.
Die Übersicht Endotext nennt für adrenerge Symptome wie Zittern einen Plasmaglukosewert unter 55 mg/dl, entsprechend 3,0 mmol/l, als medizinischen Anhaltspunkt. Die Beschwerden beginnen bei manchen Menschen früher oder später. Deshalb reicht ein einzelner Grenzwert nicht aus, um die Situation zu beurteilen.
Wann die Behandlung der Auslöser ist
Bei Menschen mit Diabetes entsteht eine Unterzuckerung meist als Folge der blutzuckersenkenden Behandlung. Häufige Auslöser sind:
- eine zu hohe Dosis Insulin
- Sulfonylharnstoffe oder Glinide, die die Insulinfreisetzung steigern
- eine ausgelassene oder verspätete Mahlzeit
- ungewohnt viel körperliche Bewegung
- Alkohol, besonders wenn gleichzeitig wenig gegessen wurde
Auch eine falsch eingeschätzte Kohlenhydratmenge oder eine veränderte Nieren- oder Leberfunktion kann die Wirkung eines Medikaments verlängern. Für die Ursachensuche sind deshalb die Medikamentendosis, der Zeitpunkt der letzten Mahlzeit, Bewegung und der Verlauf der Glukosewerte wichtig.
Tritt Zittern wiederholt nach dem Sport, nachts oder mehrere Stunden nach einer Medikamenteneinnahme auf, sollte die betroffene Person die Muster dokumentieren und ärztlich besprechen. Insulin oder andere Diabetesmedikamente sollten nicht eigenständig dauerhaft verändert werden.
Was bei Zittern zu tun ist
Bei erhaltenem Bewusstsein und sicherem Schlucken sollte die betroffene Person den Glukosewert messen, wenn das ohne Verzögerung möglich ist. Bei einem niedrigen Wert oder starkem Verdacht auf eine Unterzuckerung helfen schnell aufnehmbare Kohlenhydrate, zum Beispiel Glukose. Das Vorgehen bei Hypoglykämie richtet sich danach nach dem persönlichen Notfallplan.
Bleiben die Beschwerden bestehen, treten sie erneut auf oder verschlechtert sich der Zustand, braucht die Person medizinische Hilfe. Wiederholte Unterzuckerungen sollten ärztlich abgeklärt werden, weil sich die Medikamentendosis, die Mahlzeitenplanung, Bewegung oder die Wahrnehmung der Warnzeichen ändern müssen.
Bei Bewusstlosigkeit, einem Krampfanfall oder fehlender Schluckfähigkeit gilt:
- Den Rettungsdienst rufen.
- Nichts zu essen oder zu trinken geben, weil die Person sich verschlucken kann.
- Die Person in die stabile Seitenlage bringen, sofern keine andere akute Verletzung dagegenspricht.
- Glukagon anwenden, wenn es vorhanden ist und eine anwesende Person damit vertraut ist. Glukagon ist ein Hormon, das gespeicherte Glukose aus der Leber freisetzt. Die Gabe kann je nach Präparat über die Nase, unter die Haut oder in den Muskel erfolgen.
Eine bewusstlose Person braucht fremde Hilfe. Das Abwarten auf eine spontane Besserung ist in dieser Situation gefährlich.
Warum Zittern allein nicht reicht
Zittern kann auch unabhängig vom Glukosestoffwechsel auftreten. Ein Beispiel ist der essentielle Tremor. Dabei handelt es sich um eine eigenständige neurologische Bewegungsstörung, die häufig beide Hände betrifft und vor allem beim Halten oder bei zielgerichteten Bewegungen auffällt. Eine deutsche Kohortenanalyse zum essentiellen Tremor behandelt diese Erkrankung getrennt von einer Hypoglykämie.
Auch Anspannung, körperliche Erschöpfung oder andere Erkrankungen kommen als Ursache infrage. Bei einer diabetischen Polyneuropathie stehen dagegen typischerweise Taubheit, Kribbeln, Brennen, Gefühlsverlust oder Muskelschwäche an Füßen und Beinen im Vordergrund. Klassisches Zittern zählt bei dieser Erkrankung nicht zu den Leitsymptomen, wie das Deutsche Diabetes-Zentrum zu Nervenschäden bei Typ-2-Diabetes erläutert.
Für die weitere Abklärung ist wichtig, ob das Zittern zusammen mit anderen Unterzuckerungszeichen nach einem nachgewiesenen Anstieg des Glukosewerts verschwindet. Tritt es unabhängig von den Glukosewerten immer wieder auf, spricht das eher für eine andere Ursache. Diese Beobachtung ersetzt keine ärztliche Diagnose.
Warum Warnzeichen fehlen können
Wer häufig Unterzuckerungen erlebt, nimmt die typischen Stresszeichen manchmal schwächer wahr. Das betrifft auch Zittern. Eine Person kann dann bereits deutlich beeinträchtigt sein, ohne stark zu schwitzen oder zu zittern. Endotext beschreibt diese abgeschwächte Wahrnehmung als Folge wiederholter Hypoglykämien.
Deshalb darf das Fehlen von Zittern eine Unterzuckerung nicht ausschließen. Auffälliges Verhalten, Konzentrationsprobleme, ungewöhnliche Müdigkeit oder Sprachstörungen können ebenfalls Warnzeichen sein. Angehörige sollten wissen, wo sich das Glukagon befindet und wie es angewendet wird, wenn ein erhöhtes Risiko für schwere Unterzuckerungen besteht.
Messgeräte helfen bei der Einschätzung, haben aber Grenzen. Messungen aus dem Finger und kontinuierliche Glukosemesssysteme können im niedrigen Bereich ungenau sein. Nach Endotext eignen sie sich dort vor allem, um Muster zu erkennen. Ein einzelner Messwert sollte deshalb immer zusammen mit den Beschwerden und der klinischen Situation bewertet werden.
Für die Diagnose einer symptomatischen Hypoglykämie wird häufig die sogenannte Whipple-Trias herangezogen: passende Beschwerden, ein nachgewiesener niedriger Plasmaglukosewert und eine Besserung nach Anhebung des Glukosewerts. Deshalb bestätigt Zittern allein keine Unterzuckerung und schließt keine andere Ursache aus.
Wann ärztliche Abklärung nötig ist
Eine ärztliche Abklärung ist sinnvoll, wenn Zittern:
- erstmals oder ohne erkennbare Ursache auftritt
- trotz normaler Glukosewerte wiederkehrt
- regelmäßig nach Insulin oder bestimmten Tabletten beginnt
- nachts, beim Sport oder nach ausgelassenen Mahlzeiten auftritt
- mit Verwirrtheit, Sprachstörungen oder ungewöhnlicher Müdigkeit einhergeht
- nach einer behandelten Unterzuckerung nicht vollständig verschwindet
Bei wiederholten Unterzuckerungen müssen unter anderem Medikamente, Mahlzeiten, Bewegung, Alkohol, Nieren- und Leberfunktion sowie die Wahrnehmung der Warnzeichen geprüft werden. Ein Symptomtagebuch mit Uhrzeit, Glukosewert, Medikamentendosis, Mahlzeit und körperlicher Aktivität kann die Besprechung erleichtern.
Kernaussagen
- Unterzuckerung prüfen: Zittern zusammen mit Schwitzen, Herzklopfen oder Heißhunger passt zu einer Hypoglykämie, beweist sie aber nicht.
- Schnell handeln: Bei erhaltenem Bewusstsein und sicherem Schlucken den Glukosewert messen und dem persönlichen Notfallplan für schnell wirksame Kohlenhydrate folgen.
- Bewusstlosigkeit ernst nehmen: Rufen Sie bei Krampfanfällen, Bewusstlosigkeit oder fehlender Schluckfähigkeit den Rettungsdienst. Geben Sie nichts oral und wenden Sie vorhandenes Glukagon nach Einweisung an.
- Warnzeichen nicht überschätzen: Wiederholte Unterzuckerungen können Zittern und andere Frühzeichen abschwächen.
- Andere Ursachen abklären: Wiederkehrendes Zittern bei normalen Glukosewerten spricht eher für eine eigenständige Ursache, etwa einen essentiellen Tremor. Es sollte ärztlich untersucht werden.