Zu viel Insulin lässt den Blutzucker gefährlich absinken. Die Unterzuckerung (Hypoglykämie) zeigt sich durch deutliche Warnzeichen. Unbehandelt kann sie zur Bewusstlosigkeit führen. Sofortmaßnahme: Nehmen Sie schnell wirksame Kohlenhydrate wie Traubenzucker oder Fruchtsaft zu sich und messen Sie nach 15 Minuten erneut.

Das Hormon Insulin transportiert Zucker aus dem Blut in die Zellen. Eine zu hohe Dosis drückt den Blutzucker unter den Normalwert. Wer die Warnzeichen erkennt und richtig reagiert, kann die gefährliche Entwicklung meist abwenden.

Was passiert bei einer Insulin-Überdosierung?

Insulin öffnet die Aufnahmekanäle der Körperzellen für Glukose. Bei einer Überdosierung gelangt mehr Zucker aus dem Blut in die Zellen, als der Körper über Nahrung oder eigene Zuckerreserven nachliefern kann. Der Blutzuckerspiegel fällt unter den Zielbereich, der für die meisten Menschen mit Diabetes individuell festgelegt ist. Sinkt der Wert unter 70 mg/dl, sprechen Mediziner von einer Hypoglykämie.

Der Körper reagiert auf den Abfall mit Gegenregulation. Er schüttet Hormone wie Adrenalin und Glukagon aus. Diese Hormone setzen Zucker aus der Leber frei. Diese Gegenregulation erzeugt die typischen Frühwarnzeichen wie Schwitzen und Herzklopfen. Fällt der Blutzucker weiter, bekommt das Gehirn zu wenig Zucker. Das Gehirn braucht Glukose als Energiequelle. Dann treten neurologische Symptome auf, die bis zur Bewusstlosigkeit reichen können.

Wie schnell der Blutzucker fällt, ist entscheidend. Wer schnell wirkendes Insulin spritzt und danach keine Kohlenhydrate zu sich nimmt, erlebt den Abfall innerhalb kurzer Zeit. Bei lang wirkendem Basalinsulin kann die Unterzuckerung auch erst Stunden später einsetzen, etwa nachts.

Symptome einer Unterzuckerung erkennen

Die Warnzeichen sind nicht bei jedem Menschen gleich und können sich von Mal zu Mal unterscheiden. Typische Frühsymptome sind:

  • Zittern und Schwächegefühl
  • Schwitzen, oft kalter Schweiß
  • Herzklopfen und ein beschleunigter Puls
  • Heißhunger
  • Blässe im Gesicht

Wenn der Blutzucker weiter sinkt, kommen Symptome hinzu, die das Gehirn betreffen:

  • Konzentrationsstörungen und Verwirrtheit
  • Kopfschmerzen
  • Sehstörungen wie Doppelbilder oder verschwommenes Sehen
  • Sprachschwierigkeiten
  • Koordinationsprobleme und unsicherer Gang
  • Reizbarkeit oder aggressives Verhalten
  • In schweren Fällen Krampfanfälle und Bewusstlosigkeit

Menschen mit langjährigem Diabetes können die Frühwarnzeichen verlieren. Dann tritt die Unterzuckerung ohne Zittern und Schwitzen auf. Die ersten Anzeichen betreffen dann schon das Gehirn. Wer solche "hypoglycemia unawareness" (Hypoglykämiewahrnehmungsstörung) hat, sollte regelmäßiger messen und besonders auf die späten Symptome achten.

Sofortmaßnahmen: Die 15er-Regel

Bei einer Unterzuckerung zählt jede Minute. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft und internationale Fachgesellschaften empfehlen die 15er-Regel: Nehmen Sie 15 Gramm schnell wirksame Kohlenhydrate zu sich, warten Sie 15 Minuten und messen Sie dann erneut.

15 Gramm Kohlenhydrate entsprechen zum Beispiel:

  • einige Traubenzucker-Tabletten (je nach Packungsgröße)
  • ein Glas Fruchtsaft oder Limonade
  • 1 Esslöffel Haushaltszucker oder Honig
  • 1 kleine Banane

Wichtig ist, dass die Kohlenhydrate schnell ins Blut gelangen. Schokolade oder Kuchen enthalten Fett. Das Fett verlangsamt die Aufnahme, daher sind diese Lebensmittel für die akute Behandlung ungeeignet. Auch fettreiche Lebensmittel wie Nüsse oder Käse helfen nicht schnell genug.

Nach 15 Minuten messen Sie erneut. Liegt der Blutzucker weiter unter 70 mg/dl, nehmen Sie erneut 15 Gramm Kohlenhydrate zu sich und messen nach weiteren 15 Minuten. Wiederholen Sie diesen Ablauf, bis der Wert über 70 mg/dl liegt. Danach sollten Sie eine Mahlzeit mit langsam wirksamen Kohlenhydraten und etwas Eiweiß essen, um den Blutzucker stabil zu halten.

Wann ist es ein Notfall?

Wenn die betroffene Person bewusstlos wird oder Krampfanfälle hat, dürfen Sie ihr nichts zu essen oder zu trinken geben, weil sie ersticken kann. In diesem Fall ist ein Notruf (112) erforderlich. Wenn ein Glukagon-Notfallset vorhanden ist und Sie wissen, wie es angewendet wird, spritzen Sie es. Glukagon ist ein Hormon. Es veranlasst die Leber, Zucker freizusetzen, und wirkt auch bei Bewusstlosigkeit. Nach der Glukagon-Gabe muss die Person ärztlich überwacht werden, weil der Blutzucker erneut fallen kann.

Auch ohne Bewusstlosigkeit ist ein Arztbesuch sinnvoll, wenn die Unterzuckerung schwer war, Sie mehrfach hintereinander unterzuckert sind oder wenn Sie die Ursache nicht erklären können. Eine einzelne leichte Unterzuckerung, die Sie mit der 15er-Regel gut behandelt haben, erfordert keinen Arztbesuch, aber Sie sollten die Ursache klären, um eine Wiederholung zu vermeiden.

Häufige Ursachen für versehentliche Überdosierung

Die meisten Überdosierungen entstehen nicht durch einen einzelnen großen Fehler, sondern durch eine Kombination aus Faktoren. Die häufigsten Ursachen sind:

  • Verwechslung von Insulin-Pens oder -Spritzen, wenn mehrere Präparate im Haushalt liegen
  • Doppeltes Spritzen, weil man vergessen hat, dass man bereits injiziert hat
  • Eine zu hohe Dosis, weil die Kohlenhydratmenge der Mahlzeit falsch geschätzt wurde
  • Ungewöhnlich viel körperliche Bewegung, die den Insulinbedarf senkt
  • Alkoholkonsum, der die Zuckerfreisetzung aus der Leber hemmt und die Wahrnehmung von Symptomen beeinträchtigt
  • Eine geänderte Nierenfunktion, die den Insulinabbau verlangsamt
  • Fehler beim Einstellen der Dosis am Pen oder bei der Insulinpumpe

Besonders gefährlich ist die Kombination aus lang wirkendem Insulin und Alkohol. Alkohol blockiert die Glukosefreisetzung aus der Leber über viele Stunden, sodass eine Unterzuckerung auch nachts auftreten kann, wenn niemand sie bemerkt.

So vermeiden Sie eine Überdosierung

Die wichtigste Schutzmaßnahme ist, jede Dosis vor dem Spritzen zu kontrollieren. Gewöhnen Sie sich an, den Pen oder die Spritze zweimal zu prüfen: einmal beim Aufziehen, einmal unmittelbar vor der Injektion. Wenn Sie mehrere Insulinarten verwenden, trennen Sie die Pens räumlich oder kennzeichnen Sie sie farblich.

Führen Sie ein Blutzuckertagebuch oder nutzen Sie die Daten Ihres Messgeräts, um Muster zu erkennen. Wenn Sie wiederholt unterzuckern, besprechen Sie die Dosis mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Eine Dosisanpassung ist oft notwendig, wenn sich Gewicht, Bewegung oder Essgewohnheiten ändern.

Vor körperlicher Aktivität sollten Sie den Blutzucker messen und gegebenenfalls die Insulindosis reduzieren oder zusätzliche Kohlenhydrate einplanen. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft empfiehlt, vor dem Sport den Blutzucker zu prüfen und bei niedrigen Werten eine kleine Zwischenmahlzeit zu essen.

Tragen Sie immer schnell wirksame Kohlenhydrate bei sich, auch wenn Sie keine Unterzuckerung erwarten. Ein Notfallset mit Glukagon gehört in die Wohnung und sollte bei längeren Ausflügen mitgenommen werden. Informieren Sie enge Angehörige und Kollegen darüber, wie sie eine Unterzuckerung erkennen und behandeln können.

Wann Sie ärztliche Hilfe suchen sollten

Eine einzelne leichte Unterzuckerung ist kein Grund zur Sorge, wenn Sie sie richtig behandelt haben. Suchen Sie jedoch ärztlichen Rat, wenn eine der folgenden Situationen eintritt:

  • Sie unterzuckern mehr als zweimal pro Woche
  • Sie haben eine schwere Unterzuckerung mit Bewusstlosigkeit oder Krampfanfall erlebt
  • Sie bemerken die Warnzeichen nicht mehr zuverlässig
  • Ihre Blutzuckerwerte schwanken stark, ohne dass Sie eine Ursache erkennen
  • Sie haben nach der Behandlung das Gefühl, dass der Blutzucker nicht stabil wird

Ihre Ärztin oder Ihr Arzt kann die Insulintherapie anpassen, die Dosis überprüfen und mit Ihnen einen Plan für den Umgang mit Unterzuckerungen erstellen. Wer regelmäßig sein Blutzuckertagebuch führt, erleichtert diese Anpassung erheblich.

Eine Insulin-Überdosierung kommt bei Menschen mit Diabetes häufig vor. In den meisten Fällen ist sie gut behandelbar. Wer die Warnzeichen kennt, schnell die richtigen Kohlenhydrate zu sich nimmt und die Ursache anschließend klärt, kann schwere Folgen vermeiden.