Menschen mit Typ-2-Diabetes fragen sich, ob sie Milch, Joghurt und Käse bedenkenlos essen dürfen. Laktose, der natürliche Zucker in Milchprodukten, ist ein Kohlenhydrat, das den Blutzucker meist langsamer und schwächer anhebt als reine Glukose. Ein generelles Verbot ist nicht nötig, aber die Menge sollte man auch nicht ignorieren. Entscheidend sind Portionsgröße, gesamte Kohlenhydratmenge und ob das Produkt zusätzlich Zucker enthält.
Der Unterschied zu Haushaltszucker
Laktose ist ein Zweifachzucker aus Glukose und Galaktose. Bei der Verdauung spaltet der Körper ihn in diese beiden Einfachzucker auf, die der Körper anschließend zur Energiegewinnung nutzt. Damit liefert Laktose verwertbare Kohlenhydrate. Der Unterschied zum Haushaltszucker liegt in der Menge und der Wirkungsgeschwindigkeit.
Die Nationale VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes empfiehlt, Getränke mit zugesetztem Zucker zu minimieren. Sie weist zugleich darauf hin, dass Laktose in Zutatenlisten nicht immer als Zucker erkannt wird. Diese Empfehlung betrifft zugesetzte Zucker in Getränken und Produkten, nicht den natürlichen Milchzucker in ungesüßter Milch. In der Praxis kommt es darauf an, Laktose von zugesetztem Zucker zu unterscheiden. Zugesetzter Zucker steckt in gesüßten Milchprodukten als Saccharose, Glukosesirup oder Fruchtsaftkonzentrat.
Kohlenhydrate in Milchprodukten
Die Deutsche Diabetes Gesellschaft nennt eine Faustregel: 200 ml Milch, Buttermilch, Joghurt oder Kefir entsprechen ungefähr 10 g Kohlenhydraten beziehungsweise einer Kohlenhydrateinheit (KE). Das ist eine alltagstaugliche Näherung, kein exakter Wert für jedes Produkt. Fettstufe, Rezeptur, zugesetzter Zucker, Stärke und Marke verändern den tatsächlichen Gehalt.
Beim Lesen der Nährwerttabelle gilt: Die Angabe „davon Zucker" bezieht sich nur auf Einfach- und Zweifachzucker, während „Kohlenhydrate" alle enthaltenen Kohlenhydrate umfasst. Für die Blutzuckerplanung ist daher die gesamte Kohlenhydratangabe relevant. Wer Insulin spritzt, kann die Menge von ungefähr 10 g pro 200 ml in die Insulindosierung einbeziehen. Die Dosis sollte aber nicht allein aus einem allgemeinen Text abgeleitet werden, sondern mit dem behandelnden Diabetesteam oder der Ärztin beziehungsweise dem Arzt abgestimmt sein.
Wie stark Laktose den Blutzucker erhöht
Milchprodukte gelten in internationalen Übersichten überwiegend als Lebensmittel mit niedrigem glykämischem Index von höchstens 55. Der glykämische Index beschreibt, wie schnell ein Lebensmittel den Blutzucker unter standardisierten Bedingungen ansteigen lässt. Ein niedriger Wert heißt, dass der Blutzucker langsamer und schwächer ansteigt. Er steigt aber an.
Eine kleine randomisierte Studie mit zehn Menschen mit nicht insulinpflichtigem Typ-2-Diabetes verglich Mahlzeiten mit jeweils 40 g Kohlenhydraten aus Milch, Laktose, Glukose oder Fruktose. Nach Glukose stieg der Blutzucker stärker als nach Milch oder Laktose. Die Studie ist klein, stammt aus dem Jahr 1987 und erlaubt keine Aussage über langfristige Effekte auf den HbA1c-Wert. Sie spricht dafür, dass Milchzucker den Blutzucker meist langsamer ansteigen lässt als reine Glukose.
Die tatsächliche Reaktion hängt von mehreren Faktoren ab, etwa von der aufgenommenen Menge und der gleichzeitigen Aufnahme von Fett, Eiweiß und Ballaststoffen. Auch körperliche Aktivität, Medikamente und die individuelle Insulinresistenz spielen eine Rolle. Eine übliche Portion Naturjoghurt ist anders zu bewerten als ein großes, gesüßtes Milchgetränk.
Laktosefrei heißt nicht kohlenhydratfrei
Bei laktosefreier Milch spaltet das Enzym Laktase die Laktose in Glukose und Galaktose auf. Dadurch schmeckt das Produkt süßer, ohne dass Zucker zugesetzt wurde. Die Kohlenhydrate bleiben erhalten. „Laktosefrei" bedeutet also: besser verträglich bei Laktoseintoleranz, nicht frei von Kohlenhydraten. Für die Blutzuckerbewertung zählt die Nährwerttabelle, nicht die Aufschrift auf der Verpackung.
Laktoseintoleranz und Diabetes
Laktoseintoleranz entsteht, wenn der Dünndarm Laktose nicht ausreichend verdaut. Typische Beschwerden sind Blähungen, Bauchschmerzen, Völlegefühl und Durchfall. Das ist ein Verdauungsproblem und keine Blutzuckerreaktion. Ein Mensch kann gleichzeitig Typ-2-Diabetes und Laktoseintoleranz haben, aber das eine verursacht nicht das andere.
Viele Menschen mit Laktoseintoleranz vertragen gewisse Mengen. Das US-amerikanische National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases nennt als häufig tolerierte Größenordnung etwa 12 g Laktose, ungefähr die Menge in einer Tasse Milch. Die individuelle Verträglichkeit ist sehr unterschiedlich. Kleine Mengen zu einer Mahlzeit, Joghurt und Hartkäse sind oft besser verträglich. Wer auf Milchprodukte verzichtet, sollte auf die Versorgung mit Calcium und Vitamin D achten. Laktosefreie Produkte und angereicherte Sojaprodukte sind Alternativen.
Joghurt, Käse und Pflanzendrinks
Naturjoghurt enthält Laktose, aber keinen zugesetzten Zucker, sofern die Zutatenliste das bestätigt. Durch die Fermentation baut sich ein Teil der Laktose ab. Geeignete Kombinationen sind Naturjoghurt mit Beeren oder Nüssen und ungesüßter Kefir. Beobachtungsstudien finden bei regelmäßigem Joghurtkonsum ein niedrigeres Risiko, später Typ-2-Diabetes zu entwickeln. Das ist ein statistischer Zusammenhang, kein Beleg dafür, dass Joghurt den Blutzucker senkt oder eine Behandlung ersetzt.
Fruchtjoghurt ist nicht automatisch ungünstig, enthält aber häufig deutlich mehr Zucker als Naturjoghurt. Problematisch ist die Kombination aus Laktose, zugesetztem Zucker, Fruchtzubereitung und manchmal Stärke oder Sirup. Die österreichische Ernährungsempfehlung für Menschen mit Diabetes rät daher zu Milchprodukten ohne Zuckerzusatz.
Hart- und Schnittkäse enthalten meist nur sehr wenig Laktose und haben wegen ihres geringen Kohlenhydratgehalts einen kleinen direkten Blutzuckereffekt. Unbegrenzter Käsekonsum ist dennoch nicht empfehlenswert, weil Energiegehalt, Salz und gesättigte Fettsäuren relevant bleiben.
Pflanzendrinks sind grundsätzlich laktosefrei, aber nicht automatisch zucker- oder kohlenhydratarm. Hafer- und Reisdrinks können durch den Getreideanteil mehr Kohlenhydrate enthalten als Kuhmilch, Mandeldrink ist kohlenhydratarm, aber proteinarm. Angereicherte Produkte enthalten Calcium und Vitamin B12, aber nicht alle Pflanzendrinks sind angereichert. Entscheidend sind, ob das Produkt ungesüßt ist, wie hoch der Kohlenhydratgehalt ausfällt und wie viel Protein und Calcium es enthält. Diese Angaben stehen in der Nährwerttabelle, nicht in der Werbeaussage.